BUND Landesverband
Baden-Württemberg

Erdgas

Erdgas wurde von vielen als Brückentechnologie zum Ausstieg aus der Verbrennung von Braun- und Steinkohle gesehen. Doch auch der Einsatz von Erdgas schadet dem Klima und bremst vielerorts die Motivation, die Erneuerbaren Energien schnell und wirkungsvoll auszubauen. Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine ist der Ausstieg aus dem Erdgas auch zu einer friedenspolitischen Aufgabe geworden.

Eine junge Frau im weißen Schutzanzug hält ein Schild, auf dem "Gas has Consequences" steht. Aus Sicht des BUND muss der Einsatz von Erdgas und aller anderen fossilen Energieträger so schnell wie möglich beendet werden.  (Julian Rettig / .ausgestrahlt, KoalaKollektiv)

Der Kohleausstieg ist beschlossen, der Atomausstieg beinahe abgeschlossen. Anstatt Kohle und Atomenergie in einem Zwischenschritt mit Erdgas zu ersetzen, müssen wir auch unsere Abhängigkeit vom Gas so schnell wie möglich beenden.

Der BUND fordert, dass Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie im Zusammenspiel mit Energieeinsparungen und Energieeffizienz massiv ausgebaut werden, um den notwendigen Bedarf zu decken und das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen.

Einsatz von Erdgas in Baden-Württemberg

Erdgas hat aktuell noch einen Anteil von knapp einem Fünftel am Primärenergieverbrauch in Baden-Württemberg (Stand 2019), wovon ein Großteil in die Wärmeerzeugung fließt. Gut 44 % des abgesetzten Erdgases in Baden-Württemberg ging 2020 an private Haushalte, rund 30 % an die Industrie und die übrigen knapp 26 % an den Sektor Gewerbe, Handel, Dienstleitungen und übrige Verbraucher. Der Erdgasverbrauch im Verkehr spielt mengenmäßig nur eine untergeordnete Rolle.

Erdgas ist ein fossiles Gasgemisch, das überwiegend aus Methan besteht und üblicherweise aus 3.000 bis 5.000 Metern Tiefe gefördert wird. Erdgas lässt sich mit Pipelines und Schiffen transportieren und in Tanks und unterirdischen Kavernen speichern. Noch sind weltweit genügend Reserven vorhanden, doch neue Lagerstätten erfordern einen immer höheren technischen Aufwand. Der Anteil an Erdgas aus ökologisch sensiblen Gebieten und aus Frackingprojekten nimmt zu.

Klimakiller Erdgas

Auch wenn die Verbrennung von Erdgas in modernen Kraftwerken weniger CO₂ erzeugt als die Verbrennung von Kohle oder Heizöl, ist der Treibhausgasschaden dennoch beträchtlich. Zusätzlich kommt es entlang der gesamten Kette, von der Förderung über die Einspeisung und den Transport in Pipelines sowie die Lagerung in Kavernen und Tanks bis hin zu einer unvollständigen Verbrennung, zur Freisetzung von Methan. Methan aber ist ein gefährliches Klimagas. Auf einen Zeitraum von 100 Jahren gerechnet ist Methan, laut Weltklimarat, 28-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid, auf 20 Jahre sogar 81-mal. Das freigesetzte Methan wird oft nicht oder nur unvollständig in die Berechnung der Klimawirkung von Erdgas miteinbezogen.

Warum haben Energiekonzerne sowie Bundes- und Landesregierung so lange auf den fossilen Energieträger gesetzt?

Erdgas bietet eine bequeme Möglichkeit, um am Prinzip von Großkraftwerken an einer zentralisierten Energieversorgung festzuhalten und nicht an tieferen Strukturen unseres Energiesystems oder gar unserer energiehungrigen Lebensweise zu rütteln. Gleichzeitig umgehen Regierung und Konzerne potenzielle Konflikte hierzulande (z.B. im Zusammenhang mit der Ausweisung von Flächen, hohen CO2-Preisen etc.), verlagern die Probleme in die Länder, die Erdgas fördern und in der Konsequenz auch in die Teile der Erde, die von den Folgen des Klimawandels schon heute akut bedroht sind.

Deutschland bezieht Erdgas hauptsächlich aus drei Ländern: Russland, Norwegen und den Niederlanden. Mehr als die Hälfte der Importe werden dabei von Russland abgedeckt – das Gas wird über Tausende Pipeline-Kilometer transportiert. In Baden-Württemberg verdient vor allem die landeseigene EnBW mit ihren diversen Tochterunternehmen am Gasgeschäft. Diese betreiben Fernleitungs- und Verteilnetze, versorgen Endkund*innen mit Gas und verfügen über zahlreiche Gaskonzessionen.

Gemeinsam mit anderen Versorgern setzt sich die EnBW auch dafür ein, dass Erdgas im Rahmen der EU-Taxonomie (einheitliches Klassifikationssystem zur Beurteilung von Tätigkeiten und Branchen) als nachhaltige Investition deklariert wird – aus Sicht des BUND eine fatale Weichenstellung.

Gaskraftwerke und das Versprechen vom erneuerbaren Wasserstoff

Bundesweit plädierte die Gas-Lobby für den Ausbau der Gasinfrastruktur, mit dem Argument, so Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Viele Kritiker*innen haben schon lange vor der steigenden Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen gewarnt. Andere geben zu bedenken, dass die Erdgasnachfrage tendenziell abnimmt. So zeigt eine Studie des Umweltbundesamts, dass die Nutzung von Erdgas in Deutschland bei Einhaltung der Klimaschutzziele langfristig stark rückläufig ist und es somit schlicht keinen Bedarf für den massiven Ausbau von Gasnetzen gibt. 

Ungeachtet dessen, treibt vor allem die EnBW in Baden-Württemberg den Fuel Switch, also den Umstieg von Kohle auf Erdgas, an mehreren Standorten voran. Dabei plant das Unternehmen – ohne transparent zu machen, ob vorab Lösungen, die ohne den Einsatz fossiler Energien auskommen, geprüft wurden – den Neubau von Kraftwerken. In diesen sollen erst Erdgas (bzw. Erdgas mit einem geringen Prozentsatz beigemischtem Wasserstoff), ab 2035 dann nur noch „klimaneutrale Gase“ verbrannt werden. Problematisch ist dabei nicht nur, dass das Unternehmen unter „klimaneutralen Gasen“ nicht ausschließlich grünen sondern auch den aus Erdgas gewonnenen, blauen und türkisfarbenen Wasserstoff versteht. Darüber hinaus ist bislang völlig ungeklärt, woher die entsprechenden Mengen an Wasserstoff kommen sollen. Da selbst die Nutzung von importiertem, grünem Wasserstoff nicht grundsätzlich klimaneutral ist und teils ethische Fragen aufwirft, muss der Fokus auf regional erzeugtem Wasserstoff liegen. Dessen Nutzung wird jedoch auch langfristig für Sektoren reserviert sein, in denen keine Alternativen zum Einsatz kommen können, z.B. in der Stahl- oder in der Chemieindustrie.  

Der massive Ausbau der Erdgas-Infrastruktur war also noch nie eine Brückentechnologie. Vielmehr hat er unsere Abhängigkeit verstärkt und die Gefahr sogenannter stranded Investments – Fehlinvestitionen, mit denen Finanzmittel in den Sand gesetzt werden und die klimaneutrale Transformation verzögert wird -deutlich erhöht. .

Welche Brücke brauchen wir?

Aus Sicht des BUND muss der Einsatz von Erdgas und aller anderen fossilen Energieträger so schnell wie möglich beendet werden. In Heizungsanlagen hat Erdgas keine Zukunft und auch Wasserstoff ist zu schade, um ihn zu verheizen. Und trotzdem: In allen aktuellen Studien zum deutschen Energiesystem – und auch im Energiekonzept des BUND – spielen Erdgas-Anlagen zur Strom- oder Wärmeerzeugung eine Rolle. Sie dienen dabei aber hauptsächlich der Flankierung des Ausbaus der Erneuerbaren Energien,werden später auf grünen Wasserstoff umgestellt und insgesamt deutlich seltener eingesetzt. Grundsätzlich gilt: Nur wenn nachgewiesen ist, dass eine Lösung ohne fossile Energien nicht realisierbar ist, dürfen erdgasbetriebene Anlagen (die ausweislich vollständig auf Wasserstoff umgestellt werden können) noch neu errichtet und für eine begrenzte Zeit betrieben werden.

Um schnell aus dem Erdgas auszusteigen, hat das Energiesparen durch Suffizienz und Effizienz in allen Sektoren (Haushalt, Gewerbe, Industrie, öffentliche Gebäude) höchste Priorität. Allein mit bewusster Verbrauchsreduktion können laut Berechnungen des BUND 10% Energie in allen Bereichen (250 TWh) eingespart werden und damit die Hälfte der Erdgasimporte aus Russland (bilanziell) ersetzt werden. Darüber hinaus brauchen wir aber auch ordnungsrechtliche Rahmen (z.B. Sanierungspläne für alle Gebäude, Absenkung des Energieverbrauchsstandard für Neubauten).

Tschüss Erdgas – Hallo Wärmewende

Mehr als 70 % des in Deutschland genutzten Erdgases dient nach Berechnungen des BUND der Wärme- und Kälteerzeugung in privaten Haushalten, der Industrie und weiteren Sektoren. Für eine klimaneutrale Zukunft und den schnellen Ausstieg aus dem Erdgas muss daher neben dem massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien, der Steigerung von Energieeffizienz und Energieeinsparungen vor allem die Wärmewende im Fokus stehen.

Der BUND fordert:

  • die Ausweitung der verpflichtenden Wärmeplanung für alle Kommunen und die Ergänzung der Wärmeplanung durch eine verpflichtende Umsetzungsplanung
  • ein grundsätzliches Verbot für den Einbau neuer Erdgas- und Heizölheizungen
  • eine Ausbauoffensive für hocheffiziente Wärmepumpen und Solarthermieanlagen
  • Unterstützung von einkommensschwachen Haushalten, um auch ihnen Investitionen in energieeffiziente Technik zu ermöglichen
  • eine ressortübergreifende Task-Force der Landesregierung zur Energieleitplanung
  • Gaskraftwerke nur zur Netzabsicherung und zur Leistungsabsicherung bis genügend Speicher vorhanden sind
  • die Erstellung eines Landes-Energiekonzepts mit verschiedenen Szenarien und Betrachtung von Wasserstoff und möglichen Alternativen, wenn dieser nicht verfügbar sein sollte

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Fritz Mielert

Umweltschutzreferent
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