Rothirsch

Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist das größte freilebende Landsäugetier in Deutschland. Seinen Namen verdankt die Art ihrem rotbraunen Fell, das im Herbst in einen Grauton wechselt. Besonders beeindruckend ist das Geweih, das ausschließlich die männlichen Tiere tragen: Es kann bis zu einem Meter lang und bis zu neun Kilo schwer werden. Zudem werfen sie es jedes Frühjahr ab und anschließend wächst es vollständig neu nach. Die Wahl zum Tier des Jahres 2026 der deutschen Wildtierstiftung konnte der Rothirsch vielleicht auch deshalb für sich entscheiden.

Der Rothirsch ist das Wappentier Baden-Württembergs. Dennoch ist sein Lebensraum stark eingeschränkt.  (Felix Wien)

Lebensweise

In Deutschland gibt es etwa 220.000 Rothirsche. Die Tiere leben die meiste Zeit des Jahres in Rudeln, deren Größe je nach Lebensraum variiert. Zu Gesicht bekommt man sie dennoch nur selten, denn die ursprünglich tagaktiven Pflanzenfresser sind inzwischen eher in der Dämmerung unterwegs, um uns Menschen aus dem Weg zu gehen. Täglich nehmen sie dann bis zu 20 Kilogramm Nahrung zu sich, darunter

  • Gräser,
  • Kräuter,
  • Knospen,
  • Triebe von Weichhölzern,
  • Waldfrüchte,
  • Baumrinde. 

Männliche Tiere können eine Schulterhöhe von etwa 150 Zentimetern erreichen und bis zu 250 Kilogramm wiegen.

Wo lebt der Rothirsch?

Oft auch als „König der Wälder“ bezeichnet, ist der Rothirsch ein Herrscher im Exil: Eigentlich bevorzugen die Tiere offene und halboffene Landschaften. Im Sommer wanderten sie in höhere Lagen, im Winter zogen sie in Flussauen. Da Menschen das Offenland heutzutage intensiv für Straßen, Siedlungen und Landwirtschaft nutzen, haben wir die Tiere in Wälder zurückgedrängt. Dort ernähren sie sich unter anderem von Baumrinde oder jungen Trieben. Das führt zu Konflikten mit der Forstwirtschaft, weil die Tiere selbst große Bäume nachhaltig schädigen und die natürliche Verjüngung des Waldes erschweren können. 

Gleichzeitig haben Rothirsche auch positive Effekte auf den Wald: Durch ihr Äsen, also das Abfressen von Pflanzen, entstehen kleine Lichtungen, die Lebensraum für Schmetterlinge, Wildbienen und Waldameisen bieten. Zudem verbreiten sie auf ihren Wanderungen Pflanzensamen und tragen so zur Vielfalt der Pflanzenwelt bei.

Der Rothirsch in Baden-Württemberg

Der Rothirsch ist das Wappentier Baden-Württembergs. Dennoch ist sein Lebensraum aufgrund der Rotwildverordnung aus dem Jahr 1958 stark eingeschränkt: Die Tiere dürfen sich nur in fünf gesetzlich festgelegten Rotwildbezirken aufhalten:

  • Odenwald
  • Nordschwarzwald
  • Schönbuch
  • Südschwarzwald
  • Allgäu

Zusammen genommen umfassen diese lediglich etwa vier Prozent der Landesfläche. Verlassen sie diese Gebiete, mussten Jäger*innen sie laut Vorgaben der Verordnung abschießen.

Artenschützer*innen aber auch der Landesjagdverband fordern daher schon lange, dass Rothirsche wieder frei wandern können. Weil auch Untersuchungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) zeigten, dass der genetische Austausch mit der aktuellen Regelung für eine gesunde Population mittelfristig nicht ausreicht, dürfen seit Anfang 2026 zumindest die männlichen Tiere die eng begrenzten Gebiete wieder unbehelligt verlassen. Damit sie erfolgreich wandern können und ein genetischer Austausch zustande kommt, ist jedoch die Wiederherstellung und Vernetzung geeigneter Lebensräume wichtig.

Gefährdung und Schutzmaßnahmen

Mitte des 19. Jahrhunderts waren Rothirsche aufgrund von intensiver Bejagung in Baden-Württemberg nahezu ausgerottet. Heute gibt es Schätzungen zufolge in den fünf Rotwildgebieten rund 6.000 Tiere, die meisten davon im Nordschwarzwald. Die isolierten Populationen sind aktuell wohl die größte Gefährdung für die Tierart. Die genetische Verarmung könnte langfristig zum Aussterben der Art führen – auch wenn der Bestand aktuell nicht als gefährdet gilt. Neben dem Menschen haben Rothirsche im Land kaum natürliche Feinde. Schließlich gibt es bisher nur wenige Wölfe und Luchse in Baden-Württemberg.

NaturTipp

Die festgelegten Rotwildbezirke sind zwar schlecht für die genetische Vielfalt der Art, aber gut für das Beobachten der Tiere. Im Schönbuch gibt es etwa mehrere Wildbeobachtungspunkte sowie einen Rotwilderlebnispfad mit Schaugehege. Auch im Südschwarzwald kann man Rothirsche etwa im Wildtiergehege in St. Blasien erleben. Besonders zur Brunftzeit im Herbst, wenn die Platzhirsche mit lautem Röhren um die Gunst der Weibchen buhlen, ist das ein einzigartiges Naturerlebnis. 

Unnützes Wissen

  • Rekordwachstum: Das Geweih eines Rothirschs kann bis zu zwei Zentimeter pro Tag wachsen. Dabei werden innerhalb weniger Monate mitunter über zehn Kilogramm Knochensubstanz neu aufgebaut. Das ist Rekord unter den heimischen Wildtieren. Nach 140 Tagen ist das Geweih vollständig ausgebildet.
  • Kein wilder Müll: Die verlorenen Geweihstangen von Rothirschen sind ein wichtiger Mineralstofflieferant für Nagetiere. Menschen dürfen sie ohne Erlaubnis nicht aus dem Wald mitnehmen - das wäre Wilderei.
  • Werbungs-Workout: Platzhirsche verlieren während der Brunft bis zu 20 Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts.
  • Wildes Gendern: Rothirsch bezeichnet sowohl männliche als auch weibliche Tiere. Ab zwei Jahren spricht man bei weiblichen Tieren von Hirschkühen. Rudel aus weiblichen Tieren und ihrem Nachwuchs bezeichnet man als Kahlwild. Ab einem Jahr heißen die weiblichen Hirsche Schmaltiere, die männlichen Schmalspießer.

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