Tote und absterbende Bäume bieten vielen Tierarten wie Schwarzspecht, Hirschkäfer oder Alpenbock, Fledermäuse und Bilche Schutz und Nahrung.
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Auf die Bewirtschaftung kommt es an
Fast alle Waldflächen in Baden-Württemberg sind durch eine durchgetaktete Forstwirtschaft gekennzeichnet. Es gibt es keine wirklichen Urwälder mehr - alle Waldflächen wurden zur Holzgewinnung mehr oder weniger stark vom Menschen (um-)gestaltet. Für die Forstwirtschaft stehen Holzertrag und Profite im Vordergrund und der Artenschutz bleibt oft auf der Strecke. Kleinräumige Lebensraumstrukturen, die für die Artenvielfalt sehr wichtig sind, fehlen häufig. Zusätzlich verdichten die immer größeren Erntemaschinen die Waldböden so stark, dass sie über Jahrzehnte für Wurzeln und bodenlebende Tiere undurchlässig bleiben.
In naturnahen Wäldern hingegen bleiben tote und absterbende Bäume stehen, in denen viele Tierarten wie Schwarzspecht, Hirschkäfer oder Alpenbock, Fledermäuse und Bilche Schutz und Nahrung finden. In Baden-Württembergs Wäldern gibt es dank seines Alt- und Totholzkonzeptes im bundesweiten Vergleich mehr abgestorbene Gehölze. Langfristig wird das Totholz durch Tiere, Pilze und Mikroorganismen in Humus umgewandelt. Böden mit viel Humus können Wasser und Nährstoffe besser speichern als ausgelaugte Böden, wodurch der Wald nicht so anfällig gegen Dürreperioden ist. Gleichzeitig spielen humusreiche Böden eine wichtige Rolle für die Artenvielfalt, da sie Lebensräume und Nahrungsgrundlage für viele Kleintiere und Pilze bieten. Dass Artenschutz auch in naturnah bewirtschafteten Wäldern funktionieren kann, hat der BUND in seinem Weißbuch Wald für Baden-Württemberg aufgezeigt.
Stürme und Borkenkäfer: „Störungen“ als Chance
Immer wieder verändern natürliche Störungen wie beispielsweise Stürme oder Insektenfraß durch Borkenkäfer den Wald. Was für die Holzwirtschaft Ertragseinbußen bedeutet, ist für den Artenschutz eine gute Chance. So entstehen neue Strukturen im Wald. Dazu gehören Lichtungen für wärme- und lichtliebende Arten, die im dichten Hochwald wenig Chance zum Aufwuchs haben. Langfristig entsteht also durch solche „Störungen“ ein sich stets wandelndes Mosaik mit unterschiedlichen Waldstrukturen. Das nutzt der Artenvielfalt. Denn manche Arten brauchen einen hellen, offenen Wald mit Lichtbaumarten und einer gut ausgebildeten Krautschicht, manche wiederum einen dichten Niederwald, der zahlreiche Verstecke bietet.
Waldränder: Hotspots der Artenvielfalt
Ein strukturreicher Waldrand mit Kräutern, Büschen, Sträuchern bis hin zu großen und kleinen Bäumen ist ein besonders attraktiver Lebensraum. Viele Tiere wie Fledermäuse, Schlingnatter, Zauneidechse oder Wildbienen sind auf strukturreiche Waldränder angewiesen. Doch die sind leider geworden und zählen mittlerweile zu den geschützten Biotopen. Oft hört der Wald plötzlich am Ackerrand auf und wertvolle Strukturen des Waldübergangs fehlen.
Leben im Wald
Unsere Wälder beherbergen Tausende Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Die Bildergalerie bietet einen kleinen Einblick in die Artenvielfalt im Wald.
Der Alpenbock gehört zu den auffälligsten Erscheinungen der heimischen Käferwelt. Sein Körper ist graublau bis hellblau gefärbt. Dort, wo es die auf Holz angewiesenen Käfer gibt, ist der Wald noch "in Ordnung", naturnah und mit viel Totholz in verschiedenen Zerfallsstadien ausgestattet. Im Wirtschaftswald (Forst) dagegen werden die meisten Bäume gefällt, das Holz also "geerntet", lange bevor die Käfer sich darin einnisten könnten. Dies wirkt sich bedrohlich auf die Bestandszahlen unserer Waldkäferarten aus.
In Deutschland kommt der Alpenbock nur in den bayrischen Nordalpen und im südlichen Baden-Württemberg vor. Daher haben wir hier eine besondere Verantwortung für die in Mitteleuropa sehr seltene Art.
(Albrecht Nissler)
In Deutschland kommen Gelbbauchunken bei uns im Süden und Westen vor. Sie mögen es gerne feucht und gut besonnt. So leben sie vor allem in Abgrabungen, auf Industriebrachen und auf Truppenübungsplätzen mit temporären Klein- und Kleinstgewässern in Wäldern. Auch Traktorspuren und Pfützen nutzen sie gerne. An Land suchen sie sich Verstecke unter Steinen, Totholz und in Felsspalten. Gelbbauchunken stehen in der Kategorie 2 (Stark gefährdet) der Roten Liste. Ihren Namen haben die Unken der Schreckstellung bei drohender Gefahr zu verdanken. Arme und Beine werden dann nämlich hoch gehoben. Dadurch wird die gelbe Färbung an der Unterseite des Krötenbauches sichtbar.
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Der Hirschkäfer ist mit seinen acht Zentimetern Länge der größte Käfer hier zu Lande. Besonders auffällig sind die Männchen, wenn sie abends - fast aufrecht in der Luft stehend - durch lichte Wälder oder entlang von Waldrändern fliegen und geeignete Paarungs-Plätze ansteuern. In Baden-Württemberg ist die Art als gefährdet eingestuft. Bester Schutz für diese Käfer-Art ist der Erhalt von alten Eichen in Wäldern. Wichtig für den Käfer sind auch Totholzstämme, da sich seine Larven ausschließlich von abgestorbenem Holz ernähren.
(Albrecht Nissler)
Im 19. Jahrhundert war der Luchs auch bei uns im Süden noch heimisch. Doch die Großkatze wurde dann als gefährliches Raubtier und Jagdkonkurrent eingestuft. Landwirte fürchteten um ihr Vieh und eröffneten schonungslos die Jagd. Die traurige Bilanz: Eigenständig entstandene Populationen gibt es in Mitteleuropa kaum mehr. Das Pinselohr ist hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv. Es lebt überwiegend im Wald und lebt dort sehr im Verborgenen, die Menschen kriegen den Luchs fast nie zu sehen.
(Cornelia Ahrens
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klickfaszination.de)
Pilze spielen auch eine wichtige Rolle in Ökosystemen. Viele Bäume bilden Symbiosen, also Lebensgemeinschaften, mit Pilzen. Die Pilzfäden im Boden sind viel dünner als die Feinwurzeln von Pflanzen. So können sie Nährstoffe und Wasser im Boden erschließen, die für Bäume unerreichbar sind. Die Pilze vernetzen sich mit den Wurzeln der Bäume und tauschen diese Nährstoffe gegen Kohlenhydrate von Pflanzen, die sie nicht selbst herstellen können. Außerdem zersetzen Pilze abgestorbene Biomasse, sodass die darin enthaltenen Nährstoffe wieder für Pflanzen verfügbar sind.
(Charlotte Oberteis)
Sein Name geht auf einen gruseligen und grausamen Aberglauben zurück. Die Menschen im Mittelalter warfen Feuersalamander haufenweise ins Feuer. Sie dachten, dass deren Hautsekret tatsächlich Brände löschen könnte. Zum Glück stehen die Tiere heute unter Naturschutz. Feuersalamander mögen es gerne feucht und schattig. Sie leben in Laubmischwäldern mit kühlen Quell-Bächen und -Tümpeln. Sie gehen bevorzugt bei warmem Regen auf Jagd. Auf ihrem Speiseplan stehen Bachflohkrebse, Schnecken, Würmer und nicht allzu flinke Insekten. Ihre Beute nehmen sie vor allem über den Geruch wahr. Bei uns im Südwesten Deutschlands leben relativ viele Feuersalamander. Daher kommt Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung für den schwarz-gelben Lurch zu.
(Dieter Paulus)
Baden-Württemberg ist weltweit ein Hotspot des Rotmilans. Der Greifvogel mag abwechslungsreiche Landschaften mit Wäldern, Weiden, Wiesen, Hecken, Gehölzen und Feldrändern. Der Rotmilan brütet gerne in lichten Altholzbeständen und Waldrändern. Der Erhalt dieser vielfältigen Landschaften ist ein wichtiger Beitrag zum Schutz des Rotmilans.
(Thomas Heiduck
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BUND Pfinztal)
Das Schwertblättrige Waldvögelein ist eine Orchideeen-Art. Sie wächst in lichten Wäldern, entlang von Waldwegen oder am Rand von Gebüschen. In Baden-Württemberg ist ist ihr Hauptstandort rund um die Schwäbische Alb. Die Pflanze blüht von Mai bis Anfang Juni. Ihre Blüten öffnen sich nur an warmen Tagen zur Mittagszeit.
(Heidi Witzmann)
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die scheue Wildkatze noch als wildes Raubtier und Nahrungskonkurrentin des Menschen angesehen und daher auch bei uns in Baden-Württemberg bis zur Ausrottung gejagt. Der BUND dokumentiert seit einigen Jahren, dass sich die Wildkatze langsam wieder ausbreitet. Bundesweit werden ihre Bestände aktuell auf 6.000 bis 8.000 Tiere geschätzt. Im stark zerschnittenen Automobilland Baden-Württemberg ist die Population in den letzten zehn Jahren von null auf immerhin eine niedrige dreistellige Zahl angewachsen.
Dank auch dem BUND-Projekt Rettungsnetz Wildkatze. Seit 2007 errichtet der BUND mit seinen Ehrenamtlichen grüne Korridore aus Sträuchern und Bäumen zwischen den Wäldern. So entstehen Wege, die es der Wildkatze und vielen anderen Wildtieren ermöglichen, von A nach B zu wandern und in der offenen Landschaft Deckung zu finden.
(Thomas Stephan)
Wildschweine leben vorzugsweise in Laub- und Mischwäldern und suchen ihre Nahrung oft auf Feldern. Im Wald weisen weißgraue Baumrinden auf Wildschweine hin. Da die Tiere mit ihrem kurzen Hals lästige Parasiten nur schwer loswerden, suhlen sie sich gerne im Schlamm und scheuern sich danach an Bäumen mit grober Rinde. Beliebte "Malbäume" werden über Generationen genutzt und zeigen oft deutliche Einbuchtungen.
Die Wildschweinpopulation ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Maisfelder, Gärten und Mülltonnen locken die Tiere, die bis in Ballungszentren vordringen.
(Cornelia Arens
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klickfaszination.de)
Jahrhundertelang hatte der Mensch den Wolf auf der Abschussliste, bis er schließlich in Deutschland ausgerottet war. Nun kehrt er auf leisen Pfoten zurück - auch nach Baden-Württemberg. Einzelne männliche Jungtiere streifen bereits durch die Wälder im Südwesten. Der Wolf ist für ein funktionierendes Ökosystem wichtig: Nur mit Beutegreifern wie dem Wolf können die menschlichen Eingriffe in Wildnisgebiete, wie die Regulation von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen, halbwilden Pferden und Rindern, dauerhaft reduziert werden. Lebensraum und Nahrung gibt es für den Wolf im Südwesten genug. Der BUND setzt sich für ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf ein.
(Cornelia Ahrens
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Raritäten aus Baden-Württemberg
Einige Tier- und Pflanzenarten gibt es weltweit nur in Baden-Württembergs Wäldern. Der badische Riesenregenwurm (Lumbricus badensis) bewohnt beispielsweise ausschließlich ein kleines Gebiet im Südschwarzwald. Er kann bis zu 60 Zentimeter lang und 20 Jahre alt werden und ist die größte Art seiner Gattung in Europa. Außerdem leben in Baden-Württembergs Wäldern Arten, die europaweit bedroht oder selten geworden sind, wie Wildkatze, Luchs, Rotmilan, Gelbbauchunke oder das Weiße Waldvöglein.


