BUND Landesverband
Baden-Württemberg

Stadtnatur in Singen: Artenschutz auf dem Waldfriedhof

11. Mai 2022 | Artenschutz (BW), Biotopverbund (BW), Flächenverbrauch (BW), Flächenschutz (BW), Naturschutz, Naturschutzpolitik (BW), Schmetterlingsland (BW)

Die Stadt Singen und der BUND werten Friedhofs-Flächen zum Schutz von Wildbienen und Schmetterlingen mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg auf. Am 11. Mai haben die ersten Pflanzungen mit den Projekt-Beteiligten und freiwilligen Helfer*innen stattgefunden.

Urnenmauer - Ort der Erinnerung insektenfreundlich gestaltet: BUND-Aktive, BUND-Chefin Sylvia Pilarsky-Grosch, Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler sowie Vertreter der Friedhofsverwaltung und der Friedhofsgärtner stellen eine der Maßnahmen-Flächen vor.

Heute (11.5.) haben die Gärtner*innen des Waldfriedhofs in Singen und BUND-Aktive die ersten Maßnahmen zur Gestaltung eines insektenfreundlichen Friedhofes umgesetzt. Gemeinsam haben sie vier Mustergräber angelegt, die Besucher*innen und Angehörigen zeigen sollen, wie sie Gräber naturnah gestalten und so die Artenvielfalt fördern können. Die Vorsitzende des BUND Baden-Württemberg, Sylvia Pilarsky-Grosch, und Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler haben die Ziele des Projektes und seine Bedeutung für die Artenvielfalt erläutert. Vertreter*innen der Friedhofsverwaltung und BUND-Aktive haben die ersten Maßnahmen umgesetzt.

„Ein gewaltiges Artensterben ist im Gange. Besonders betroffen sind die Insekten. Heute gibt es 75 Prozent weniger Fluginsekten als noch vor 30 Jahren. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Auch in ländlichen Gebieten wird es eng“, sagt Sylvia Pilarsky-Grosch, Vorsitzende des BUND in Baden-Württemberg. Die Gründe für den derzeitigen Artenrückgang: intensive Monokulturen und Pestizideinsatz, aber auch Flächenverbrauch für Siedlungen, Gewerbegebiete und Straßen. Tatsächlich zeigen Studien, dass in Städten mittlerweile mehr Insekten vorkommen als auf dem Land mit intensiver Landwirtschaft.

Umso wichtiger werden daher Grünflächen im urbanen Raum. „Parks, Gärten und Friedhöfe wie der Waldfriedhof in Singen können zu wahren Naturoasen inmitten der Stadt werden. Vorausgesetzt, wir legen sie naturnah und strukturreich an mit reichhaltigem Nahrungsangebot und Nistmöglichkeiten“, so die BUND-Landeschefin.

Singen aktiv für den Artenschutz

Der Singener Friedhof ist einer von vier Modellfriedhöfen, die am BUND Projekt Insektenfreundlicher Friedhof teilnehmen.

Der Singener Waldfriedhof umfasst eine Fläche von 18 Hektar. Mit seinem alten Baumbestand, weitläufigen sonnigen Bereichen und der Lage inmitten von Wald und landwirtschaftlichen Flächen bietet er gute Voraussetzungen zur Schaffung von Lebensräumen für wildlebende Tiere und Pflanzen. Da auch in Singen der Flächenbedarf für Beisetzungen nicht mehr so hoch ist, wie einst geplant und das Interesse an naturnahen Grabgestaltungen wächst, hat die Stadt den Vorschlag des BUND Singen gerne aufgegriffen und sich für eine Teilnahme an dem BUND-Projekt "Insektenfreundlicher Friedhof" beworben.

"Für uns ist das BUND-Projekt ein weiterer wichtiger Baustein zur Förderung der Biodiversität in Singen“, unterstreicht Oberbürgermeister Bernd Häusler die Bedeutung des Projekts. „Wir erhalten wertvolle Anregungen und Tipps für die naturnahe Gestaltung und Pflege unserer städtischen Grünflächen. Gleichzeitig kann das Projekt auch Anreiz für unsere Bürger*Innen sein, wie insektenfreundliche Areale auch in Haus- und Kleingarten umgesetzt werden könnten", so Häusler weiter.

BUND-Projekt Insektenfreundlicher Friedhof

„Mit dem Projekt möchte der BUND Baden-Württemberg zunächst auf vier Modellfriedhöfen durch naturnahe Grünflächen die Artenvielfalt erhöhen“, beschreibt Melanie Marquardt, Projekt-Koordinatorin. Im Fokus stehen dabei vor allem Wildbienen wie Hummeln, Sand- und Mauerbienen und Schmetterlinge wie Tagpfauenauge, Schwalbenschwanz oder Kleiner Fuchs. „Unsere langfristige Vision ist, dass Friedhöfe in ganz Baden-Württemberg vorhandene Freiflächen ökologisch aufwerten und pflegen. Unser Anliegen ist außerdem, dass Gärtner*innen und Friedhofsbesucher*innen mittelfristig vermehrt heimische Pflanzen verwenden, wovon dann unsere Insektenwelt profitiert.“
Bis 2024 sollen sechs Flächen auf dem Singener Friedhof insektenfreundlich gestaltet sein. „Aktive des BUND unterstützen die Friedhofs-Gärtner*innen bei den Pflanzungen und kontrollieren regelmäßig, ob die Maßnahmen Wirkung zeigen. Die Friedhofsverwaltung, die städtischen Friedhofsgärtner*innen und der BUND Baden-Württemberg dokumentieren die angepasste Pflege der Flächen. Anschließend entwickelt der BUND Pflegekonzepte und -pläne, die anderen Kommunen, Friedhofsträgern, Friedhofsgärtner*innen und Gärtnereien als Blaupause dienen können“, ergänzt Marquardt.

Warum ausgerechnet Friedhöfe?

Friedhöfe bieten eine besondere Chance für den Arten- und Biotopschutz. Denn mit oftmals altem Baumbestand, artenreichen Blumenwiesen, Stauden und Gehölzen sind sie ökologisch besonders wertvoll. Sie bieten vielen verschiedenen Tieren Nahrungs- und Brutmöglichkeiten und Rückzugsorte. So findet man schon jetzt eine hohe Artenvielfalt auf Friedhöfen. Auch sind Friedhöfe kaum Veränderungen unterworfen. Sie werden selten überbaut oder umgestaltet und so können sich Pflanzen und Tiere über lange Zeit anpassen und entwickeln.

Die Nachfrage nach alternativen und flächensparenden Beisetzungsarten wie der Urnen-Bestattung steigt; viele Friedhofsflächen bleiben in Folge frei. „Das ökologische Potenzial von Friedhöfen ist hoch, es bleibt aber oft ungenutzt. Häufig blühen auf den Gräbern Zierpflanzen und diese bieten Insekten nur selten Nahrung. Gepflegte, monotone Rasenflächen sind ebenfalls wertlos für die Tiere“, sagt die Projekt-Koordinatorin. „Ein weiteres Ziel des Projekts: Wir möchten naturnahe Grab-Anlage und -Pflege mit den ästhetischen Ansprüchen der Besucher*innen verbinden.“

Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung von Freiflächen auf dem Waldfriedhof Singen:

  • Auf einer derzeit nicht für Grabanlagen genutzten Fläche legen der BUND und die Friedhofsgärtner*innen vier Mustergräber an, die den Friedhofs-Besucher*innen zeigen, wie sie Gräber naturnah, insektenfreundlich und dauerhaft gestalten können. Außerdem pflanzen sie mehrjährige insektenfreundliche Pflanzen an, wie die Gewöhnliche Akelei oder die Rundblättrige Glockenblume.
  • Dabei verwenden sie ausschließlich heimisches Pflanzgut. Außerdem ist der Pflanzenmix so zusammengestellt, dass Insekten ein „reiches Buffet“ über das ganze Jahr hinweg vorfinden. So wird beispielsweise auf typische Frühjahrsblüher wie das Busch-Windröschen und die Himmel-Schlüsselblume zurückgegriffen, aber auch die Goldhaar-Aster und die Ruprechts-Fetthenne mit einer Blütezeit im Spätsommer kommen zum Einsatz.
  • Neben den heimischen Blühpflanzen schaffen die Friedhofs-Gärtner*innen und der BUND geeignete Lebensraum-Strukturen (für die Wildbienen und Schmetterlinge. Hierzu gehören Sandarien, Tot- oder Morschholz oder Steinhaufen.
  • Weiterhin stimmen der BUND Baden-Württemberg, die Friedhofsverwaltung sowie die Friedhofsgärtner*innen die Pflegekonzepte ab, so dass die Pflegemaßnahmen der neuangelegten Flächen schonend und insektenfreundlich durchgeführt werden.

Weitere Informationen:

  • BUND-Projekt Insektenfreundlicher Friedhof: Wir leben im Zeitalter ungebremsten Artensterbens. In den kommenden Jahrzehnten könnten laut Weltbiodiversitätsrat eine Million Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Das Artensterben findet auch direkt vor unserer Haustüre statt. Aktuelle Studien zeigen: Es gibt 75 Prozent weniger Fluginsekten als noch vor 30 Jahren. Um in Städten gegen diesen Trend anzukämpfen, schafft der BUND mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg, gefördert aus zweckgebundenen Erträgen der Glücksspirale, mit seinem Projekt Insektenfreundlicher Friedhof auf ungenutzten Friedhofsflächen wertvolle Lebensräume mitten im urbanen Raum. Weitere teilnehmende Friedhöfe sind der Hauptfriedhof in Stuttgart, der Stadtfriedhof in Biberach an der Riß und der Friedhof Handschuhsheim in Heidelberg.
     

Das Projekt in Kürze:

  • Vollständiger Projekttitel: „Insektenfreundlicher Friedhof – Artenschutz durch naturnahe Pflege am Beispiel der Wildbienen und Schmetterlinge“
  • Teilnehmende Friedhöfe: Hauptfriedhof Stuttgart, Friedhof Handschuhsheim in Heidelberg, Stadtfriedhof Biberach an der Riß und Waldfriedhof in Singen (Hohentwiel)
  • Projektlaufzeit: April 2021 bis März 2024
  • Förderung: Mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg gefördert aus zweckgebundenen Erträgen der Glücksspiral
  • Fördersumme der Stiftung Naturschutzfonds: 145.000 €
  • Eigenanteil des BUND: 97.891 €
  • Projektseite: www.bund-bawue.de/friedhof
  • NaturTipp: Lebendige Friedhöfe www.bund-bawue.de/tipps/detail/tip/allerheiligen-lebendige-friedhoefe/


Kontakt für Rückfragen:

  • Melanie Marquardt, Projektkoordinatorin Insektenfreundlicher Friedhof, BUND Baden-Württemberg, melanie.marquardt(at)bund.net, 01520 – 8074756
  • Lilith Stelzner, Naturschutzreferentin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg e. V., lilith.stelzner(at)bund.net, 0711 – 620306-14
  • Angela Koch, Referentin für Öffentlichkeits- und Pressearbeit, BUND Baden-Württemberg, angela.koch(at)bund.net, 0176 – 240 43 107


Insektenfreundlicher Waldfriedhof in Singen

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