BUND Landesverband
Baden-Württemberg

BUND-Studie zur Laufzeitverlängerung: Laufzeitverlängerung des AKW Neckarwestheim II und der anderen AKWs in Deutschland wäre unverantwortlich

28. Juli 2022 | Atomkraft, Energiewende, Klima und Energie (BW), Nachhaltigkeit, Ressourcen & Technik, Suffizienz, Umweltgifte, Umweltpolitik (BW)

Eine neue Studie des BUND zu den Risiken der drei Atomkraftwerke in Deutschland zeigt, dass eine Laufzeitverlängerung sicherheitstechnisch und energiepolitisch ein Irrweg wäre. Der BUND Baden-Württemberg appelliert an die Landes- und Bundesregierung, an dem Datum für den Atomausstieg festzuhalten.

Stuttgart/Berlin. Eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland wäre teuer, gefährlich und unnötig, wie eine neue BUND-Studie darlegt. Momentan wird in Deutschland der Weiterbetrieb der drei verbliebenen Atomkraftwerke (AKW) debattiert. Aus der Debatte um Gasengpässe und kalte Wohnungen ist ein Szenario um einen drohenden Stromengpass geworden. Insbesondere die sicherheitstechnischen Fakten geraten in der Debatte jedoch allzu leicht zu einer vernachlässigten Randnotiz.

Erhebliche Sicherheitsmängel 

Atomkraft ist und bleibt eine Hochrisikotechnologie. Seit der Atomausstieg 2011 beschlossen wurde, wurden die Atomkraftwerke kontinuierlich unsicherer. Das liegt nicht nur daran, dass die Meiler weiter gealtert sind, sondern auch daran, dass Aufsichtsbehörden wie das baden-württembergische Umweltministerium aufgrund der Laufzeitbegrenzung Abstriche bei Nachrüstungen, Reparaturen und Sicherheitsüberprüfungen gewährt haben. „Seit 2017 wurden bei jeder Revision im AKW Neckarwestheim II zahlreiche Risse in zentralen Bauteilen gefunden. Bei der Revision dieses Jahr wurde angesichts der bevorstehenden Abschaltung zudem weniger gründlich nach Rissen gesucht. Trotzdem wurden 36 neue Risse entdeckt. Diese können unkontrolliert wachsen und die Rohre bersten lassen. Was passiert, wenn mehr als ein Rohr versagt, kann niemand absehen, denn dafür ist der Reaktor nicht ausgelegt“, beschreibt Sylvia Pilarsky-Grosch, Landesvorsitzende des BUND Baden-Württemberg.

Oda Becker, Diplom-Physikerin und Expertin für Risiken von Atomanlagen, führt mit Verweis auf eine für den BUND erstellten aktuellen Sicherheitsstudie aus: „Die AKWs Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2 sind seit 13 Jahren nicht mehr umfänglich sicherheitstechnisch überprüft worden. Die letzte periodische Sicherheitsprüfung, die mindestens alle 10 Jahre erfolgen, fand 2009 und nach einem Sicherheitsanforderungen aus den 1980er Jahren. Dass die Atomaufsicht auf dieser Basis Laufzeitverlängerungen ohne umfassende Sicherheitsüberprüfungen genehmigt, ist aus fachlicher Sicht nicht vorstellbar. Denn ein sicherer Betrieb der Reaktoren nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik ist nicht gewährleistet.“ Mit Blick auf die AKW Emsland und Neckarwestheim II fügt Becker an: „Die Anlagen wurden seit mehr als 10 Jahren in Hinblick auf die vereinbarten Restlaufzeiten betrieben, das zeigt sich zum Beispiel an dem Umgang an den gefährlichen Rissen in den Dampferzeugern im AKW Neckarwestheim 2.“

Der Weiterbetrieb der AKW wäre nicht nur aufgrund langfristiger und aktuell nicht verfügbarer Brennelemente, sondern auch durch die massiven Sicherheitsrisiken nicht zielführend. „Selbst die Betreiber stellen fest, dass auch ein kurzer Weiterbetrieb nur möglich wäre, wenn der Anspruch an Sicherheitsprüfungen massiv verringert oder umfangreiche Nachrüstungen nicht vorgenommen werden. Die aktuelle Situation in Frankreich belegt zudem, dass die angestrebte Versorgungssicherheit mit Atomkraftwerken nicht gewährleistet ist“, führt die Sicherheitsexpertin weiter aus.

Keine wesentliche Rolle für die Energieversorgung

Schon jetzt machen Atomkraftwerke nur fünf bis sechs Prozent im deutschen Strommix aus. Bezogen auf den gesamten Endenergieverbrauch hat Atomkraft sogar nur einen Anteil von etwa einem Prozent. Atomkraftwerke können zudem nicht flexibel einspringen, um Spitzenlasten oder Schwankungen auszugleichen. Dadurch wird insgesamt mehr Atomstrom ins Netz eingespeist als für die Stromversorgung nötig wäre, während Erneuerbare bei einem Stromüberangebot abgeregelt werden, um Netzüberlastungen zu vermeiden. „Die Sicherheitsrisiken und die Kosten für den Erhalt der geringen AKW-Kapazitäten und geringen Strommengen stehen in keinem Verhältnis. Der BUND lehnt den Weiterbetrieb und damit eine Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen deutschen Atomkraftwerke Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg, Emsland in Niedersachsen sowie Isar 2 in Bayern über den 31.12.2022 hinaus kategorisch ab. Sie können keine Lösung für die derzeit befürchteten Versorgungsengpässe und die Gaskrise sein“, betont Sylvia Pilarsky-Grosch.

Hohe Abhängigkeit von Russland im Nuklearsektor

Aktuell produzieren die deutschen AKW ihren Strom rechnerisch allein für den Export nach Frankreich, wo seit einem halben Jahr etwa die Reaktorflotte stillsteht. Dort zeigt sich das ganze energiepolitische Dilemma der Atomkraft-Nutzung. „Atomkraft bietet weder Versorgungssicherheit noch schafft sie Energieunabhängigkeit von Russland“, so die BUND-Expertin weiter. „Vielmehr hat die verstaatlichte russische Atomindustrie Europa und die USA als Lieferant von Uran und Nukleartechnik so fest im Griff, dass diese es sich bislang nicht leisten konnten, im Atomsektor Sanktionen gegen den Aggressor zu verhängen.“ 

Finanzieller und klimapolitischer Irrweg

Atomkraft ist und bleibt privatwirtschaftlich nicht zu betreiben und die Kraftwerke nicht zu versichern. Durch einen Weiterbetrieb würden erneut unnötig hohe Geldbeträge, die für erneuerbare Energien und die Energiewende dringend benötigt werden, in eine nicht nachhaltige und gefährliche Technologie fließen. Nicht nur ein finanzieller, sondern auch klimapolitischer Irrweg und das falsche Signal an die Welt, dass die Energiewende nicht zu schaffen sei.

Nach Auffassung des BUND braucht es jetzt einen konsequenten und naturverträglichen Ausbau der Erneuerbaren und schnelle sowie sinnvolle Maßnahmen zum Einsparen von Energie. Der BUND Baden-Württemberg fordert die Bundes- und die Landesregierung auf, bei ihrem Nein zu Laufzeitverlängerungen zu bleiben und den Atomausstieg zu vollenden.

Es bestehen juristische Zweifel, dass ein Weiterbetrieb der alten AKW vor dem Hintergrund des Schutzes von Leben und Gesundheit verfassungskonform wäre. Der BUND wird eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten nicht tatenlos hinnehmen und rechtliche Schritte prüfen.
 

Weitere Informationen

Kontakt für Rückfragen 

  • Sylvia Pilarsky-Grosch, Landesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg, Sylvia.Pilarsky-Grosch(at)bund.net, 0172 / 83 44 294

  

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