Appell zum Weltkatzentag: Freilaufende Hauskatzen kastrieren, um Wildkatzen zu schützen

04. August 2023 | Wildkatze, Wälder, Artenschutz (BW), Lebensräume, Biotopverbund (BW)

Freilaufende Hauskatzen können für ihre wilden Verwandten in Baden-Württemberg zur Gefahr werden. Denn eine mögliche Verpaarung gefährdet die Bestände der vom Aussterben bedrohten Europäischen Wildkatzen. In einer aktuellen Untersuchung ließ der BUND Baden-Württemberg auch das Vorkommen solcher Hybride prüfen.

Links markiert eine der nachgewiesenen männlichen Wildkatzen einen Lockstock. Rechts zeigt eine schwarze Hauskatze Interesse an den mit Baldrian präparierten Holzpflöcken und verdeutlicht damit, dass sich beide Arten teils in den gleichen Lebensräumen aufhalten.  (BUND BW)

Stuttgart. Anlässlich des Weltkatzentags am 8. August appelliert der BUND Baden-Württemberg an alle Hauskatzenhalter*innen, einen Beitrag zum Artenschutz zu leisten und ihre freilaufenden Lieblinge kastrieren zu lassen.

Hauskatzen sind nach wie vor die beliebtesten Haustiere in Deutschland: Rund 15 Millionen Stubentiger lebten im vergangenen Jahr in deutschen Haushalten – rund zwei Millionen davon in Baden-Württemberg. Von der Europäischen Wildkatze gibt es dagegen schätzungsweise nur noch einige tausend Exemplare und in Baden-Württemberg wohl wieder einige hundert. Dieses Ungleichverhältnis kann für die bedrohte Wildkatze zu einer Gefahr werden. „Freilaufende und verwilderte Hauskatzen können sich mit ihren wilden Verwandten paaren, wenn sie nicht kastriert sind. Solche Hybride gefährden aber langfristig die Bestände der Europäischen Wildkatze“, erklärt Dr. Andrea Lehning, Referentin für Wildkatzenschutz und Wald beim BUND Baden-Württemberg. „Denn wenn sich der Genpool der Wildkatzen mit denen von Hauskatzen vermischt, gehen spezielle Anpassungen der Art an ihren Lebensraum verloren – beispielsweise ihre natürliche Scheu vor Menschen oder das dichtere Fell.“ Um das zu verhindern, appelliert der BUND an Halter*innen von Hauskatzen, ihre Tiere kastrieren zu lassen.

Keine Nachweise von Hybriden aus Haus- und Wildkatze bei Monitoring im Odenwald

Denn in einigen Gebieten Baden-Württembergs konnten in den letzten Jahren leider immer wieder Hybridkatzen genetisch nachgewiesen werden. Bei einem Monitoring im Gebiet des Naturparks Neckartal-Odenwald Anfang dieses Jahres hatte der BUND Baden-Württemberg mit Hilfe von Lockstöcken Haarproben von potenziellen Wildkatzen gesammelt. Vier der acht Proben stammten nach der genetischen Analyse des Senckenberg-Instituts für Wildtiergenetik von Europäischen Wildkatzen – und zwar von drei unterschiedlichen männlichen Tieren. Auch unter den restlichen Proben waren glücklicherweise keine Hybride. Sie stammten von reinen Hauskatzen. Das verdeutlicht aber, dass sich beide Arten teils in den gleichen Lebensräumen aufhalten und die Gefahr einer Verpaarung unkastrierter Haus- mit Wildkatzen gegeben ist. Um eine Durchmischung weiter zu vermeiden, brauchen Europäische Wildkatzen deshalb genügend passende Lebensräume in Baden-Württemberg. Mit dem Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“, gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt, engagiert sich der BUND Baden-Württemberg seit diesem Jahr schwerpunktmäßig in den Gebieten Südlicher Odenwald und Stromberg-Heuchelberg für eine wildkatzengerechte Umgestaltung von Wäldern und Waldrandgebieten. Denn wo Wildkatzen solche strukturreichen Waldgebiete mit genügend Deckung zur Verfügung stehen, kommen sie hoffentlich künftig Wohnsiedlungen und damit den Gebieten, in denen sich Hauskatzen aufhalten, weniger nahe.

Kastration von Freigängern hilft Tier- und Artenschutz

Mittlerweile gibt es in 55 Kommunen Baden-Württembergs bereits Katzenschutzverordnungen, in denen die Kastration von Freigängern vorgeschrieben ist (Stand Juli 2023). Das ist eine positive Entwicklung sowohl für den Tierschutz als auch für den Artenschutz. „Wo es noch keine Verordnung gibt, sollten Katzenhalter*innen ihre Tiere freiwillig kastrieren. Denn damit leisten sie einerseits einen aktiven Beitrag zum Tierschutz, in dem die unkontrollierte Vermehrung und das Leid der Straßenkatzen verringert werden. Gleichzeitig helfen sie dem Artenschutz, indem die Bestände der Europäischen Wildkatze erhalten bleiben“, so Dr. Andrea Lehning.

 

Hintergrund: Wildkatzen in Baden-Württemberg

Die heutigen Hauskatzen (Felis silvestris catus) stammen nicht von Europäischen Wildkatzen (Felis silvestris silvestris), sondern von der Afrikanischen Falbkatze (Felis silvestris lybica) ab und wurden von den Römern nach Mitteleuropa gebracht. Wildkatzen unterscheiden sich optisch von Hauskatzen vor allem durch den buschigen Schwanz mit dunkel abgesetzten Ringen und die verwaschene cremefarbene Färbung. Sie sind nicht zähmbar und ausgesprochen scheu.

Die Europäische Wildkatze wurde im 19. Jahrhundert durch die Jagd nahezu ausgerottet. Bundesweit steht sie auf der Roten Liste gefährdeter Arten und ist streng geschützt. In den letzten Jahren nehmen die Bestände langsam wieder zu. Schätzungsweise 6.000 bis 8.000 Tiere gibt es in Deutschland. In Baden-Württemberg ist die Population in den letzten zehn Jahren von null auf immerhin eine niedrige dreistellige Zahl angewachsen.

Das Projekt „Wildkatzenwälder von morgen“ wird im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz gefördert. In Baden-Württemberg liegt der Fokus dabei auf gezielten Maßnahmen in Waldgebieten im Naturpark Neckartal-Odenwald sowie Stromberg-Heuchelberg, die in den nächsten sechs Jahren entsprechend den Bedürfnissen der Wildkatzen gestaltet werden sollen. Denn die Tiere brauchen Wälder mit Totholz und Gebüsch zum Verstecken und Aufziehen der Jungen sowie strukturreichen Waldrändern und angrenzenden offenen Flächen mit Deckung für die Mäusejagd. Interessierte aus Forst, Landwirtschaft, Jagd, Grundbesitz, Verwaltung, Kommunen und Kirchen können das Projekt aktiv mit geeigneten Flächen unterstützen. Neben Baden-Württemberg wird das Projekt auch in den BUND-Landesverbänden Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen umgesetzt.

 

Pressefotos:

Bildmaterial frei zum Abdruck bei Nennung der Quelle: https://cloud.bund.net/index.php/s/PLmbNFWT8odgzCg

 

Mehr Informationen:

Kontakt bei Rückfragen:

Dr. Andrea Lehning, Referentin für Wildkatzenschutz und Wald beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg e.V., andrea.lehning(at)bund.net, 0152 08794420

 

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