Naturschutztage in Krisenzeiten: Sind wir noch zu retten?

04. Januar 2024 | Artenschutz (BW), Biotopverbund (BW), BUND Baden-Württemberg (BW), Flächenschutz (BW), Flächenverbrauch (BW), Flüsse & Gewässer, Kinder und Jugend (BW), Klimaschutz (BW), Landwirtschaft, Lebensräume, Moore, Naturoasen schützen (BW), Naturschutz, Naturschutzpolitik (BW), Umweltbildung (BW), Umweltpolitik (BW), Wälder

NABU und BUND widmen sich auf Traditionstagung zentralen Zukunftsfragen

Fünf Menschen sitzen nebeneinander an einem langen Tisch, ener, der in der Mitte sitzt, spricht gerade. Im Hintergrund zwei Hochkant-Banner mit Schriftzügen BUND und NABU Baden-Württemberg. BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch und NABU-Landeschef Johannes Enssle eröffneten die Naturschutztage 2024 bei der Pressekonferenz mit den Top-Referent*innen des ersten Tages: Philipp Schrögel, Dr. Silvia Queri und Dr. Simon Teune (v.l.).  (Bianka Lungwitz / NABU BW)

++ Gemeinsame Pressemitteilung von NABU und BUND Baden-Württemberg ++

Radolfzell. „Wer in die Zukunft blickt, könnte den Mut verlieren. Überall Krisen: Kriege, Artensterben, Klimakrise: Sind wir überhaupt noch zu retten?“. Mit dieser Frage eröffnet NABU-Landeschef Johannes Enssle die 47. Naturschutztage am Bodensee und greift die Stimmung vieler ehrenamtlich aktiver Menschen im Naturschutz auf. Seit mehr als vier Jahrzehnten veranstalten NABU und BUND gemeinsam zum Jahresauftakt die Naturschutztage am Bodensee. Dabei widmen sie sich den drängendsten Fragen aus Umwelt- und Naturschutz.

„Es braucht Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Denn unsere Zukunft ist kein vorprogrammiertes Schicksal, dem wir uns ergeben müssen. Sie hängt vielmehr direkt davon ab, was wir heute für sie tun“, fasst die BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch zusammen. Johannes Enssle stellt klar: „Intakte Ökosysteme sind unsere Lebensversicherung. Sie zu erhalten, ist die fundamentale Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit von uns als Spezies Mensch auf diesem Planeten.“

Um der Eingangsfrage auf den Grund zu gehen, haben die Verbände für den ersten Tag drei Top-Expert*innen aus der Forschung eingeladen. Gemeinsam sind sie sich einig, dass Resignation keine Lösung ist.

Philipp Schrögel, Apokalypse-Forscher aus Heidelberg beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Ebene mit der Frage nach dem Weltuntergang in der Kulturgeschichte: „Die Beschäftigung mit dem Weltuntergang zieht sich durch die Geschichte der Menschheit in allen Zeiten und Kulturen. Der Unterschied zu früheren Jahrhunderten: Das Weltende liegt zunehmend in den Händen der Menschheit selbst und nicht mehr in den Händen der Götter. Ist eine Apokalypse zu erwarten? Wir stecken eigentlich schon mittendrin und wollen es nicht wahrhaben. Viele Menschen weltweit, insbesondere im globalen Süden, sind unmittelbar in ihrer Existenz bedroht, erfahren den Untergang ihrer Welt durch Dürren, Überflutungen oder Feuer. Damit apokalyptische Nachrichten aufrütteln und nicht resignieren lassen, müssen sie eine aktivierende Botschaft enthalten.“

Dr. Silvia Queri, Psychologie-Professorin an der Hochschule Ravensburg-Weingarten geht der Frage auf den Grund, wie Ohnmachtsgefühle bei all den negativen Nachrichten überwunden werden können: „Klimakrise, Pandemien, Inflation oder bewaffnete Konflikte – wir befinden uns in einer Art ,Polykrise‘, die insbesondere bei jungen Menschen nachvollziehbare Zukunftsängste erzeugt. Sie fühlen sich vielfach ihrer Zukunft beraubt. Krisen wie die Klimakrise, deren Lösung komplex und langwierig ist, können Erschöpfungszustände mit lähmender Angst und resignativer Antriebslosigkeit auslösen – auf individueller und kollektiver Ebene. Doch die Geschichte der Menschheit ist voller langwieriger und existenzbedrohender Krisen. Sie zeigt: Menschen sind grundsätzlich handlungs- und lösungsfähig. Die psychologische Forschung kann dazu beitragen, dass es nicht zu ‚psychologischen Verirrungen‘ kommt, etwa zu Verzögerungsdiskursen oder dem Anschluss an populistische Gruppen.“

Dr. Simon Teune ist Protest- und Bewegungsforscher in Berlin und beleuchtet in seinem Vortrag die Frage, welche Rolle der Zivilgesellschaft bei großen gesellschaftlichen Transformationsprozessen zukommt: „Wir stehen als Gesellschaft vor enormen Herausforderungen. Die Klimakatastrophe spitzt sich immer weiter zu – mit nicht absehbaren Folgen. Wir werden immer häufiger Wetterextreme, Dürren und Ernteausfälle erleben. Damit werden neue Konflikte entstehen, Gewalt und massive Fluchtbewegungen. In dieser Situation braucht es soziale Bewegungen und die organisierte Zivilgesellschaft, um eine Transformation zu einer Lebensweise voranzutreiben, die das Ausmaß der Klimakatastrophe begrenzt, anstatt sie zu befeuern. Umweltorganisationen spielen dabei eine wichtige Rolle als Treiber, Erklärer und Vermittler. Sie müssen sich aber auch selbstkritisch fragen, ob sie dieser historischen Situation bereits gerecht werden.“

Gesellschaftliches Engagement als sozialer Kitt und Treiber für Veränderung

NABU und BUND wollen mit dieser Themenwahl ein Zeichen setzen. Sie rufen ihre Mitglieder und alle Bürger*innen dazu auf, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern sich aktiv einzubringen: „Ehrenamtlich Aktive sind zupackende Mutmacher*innen. Ihr Engagement im Natur- und Umweltschutz wirkt sich positiv in viele Richtungen aus – es hilft, die beschlossenen Ziele auch wirklich zu erreichen. Sich gemeinsam erfolgreich im Umwelt- und Naturschutz einzusetzen, sorgt dafür, nicht den Mut zu verlieren und der Demokratie den Rücken zu stärken“, betonen die beiden Landesvorsitzenden von BUND und NABU.

 

Mehr zu den Referent*innen:

  • Porträtfotos für Pressezwecke: https://next.nabu-bw.de/s/fxQ3dkyHfHMZyP5
  • Philipp Schrögel ist Wissenschaftlicher Koordinator und verantwortlich für die Wissenschaftskommunikation am Institut für Apokalyptische und Postapokalyptische Studien (CAPAS) aus Heidelberg.
  • Prof. Dr. phil. Silvia Queri ist Diplom-Psychologin und Studiendekanin für Angewandte Psychologie der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Sie ist Mitglied der Scientists for Future (S4F).
  • Dr. phil. Simon Teune ist politischer Soziologe mit dem Schwerpunkt Protest- und Bewegungsforschung. Er arbeitet am Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) und ist Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin.

 

Naturschutztage 2024 mit 40 Fachvorträgen, Workshops, Exkursionen

Die Pressekonferenz bildet den Auftakt zu den viertägigen Naturschutztagen vom 4. bis 7. Januar 2024 im Milchwerk Radolfzell. Jedes Jahr begrüßen NABU und BUND dort rund 1.000 Naturschutz-Interessierte. Mut machen, gerade in Krisenzeiten, Anregungen geben und zuversichtlich stimmen für einen wirkungsvollen Natur-, Arten- und Klimaschutz – mit diesen Zielen bietet das Treffen mehr als 40 Fachvorträge, Workshops, Exkursionen und Diskussionsrunden. Umrahmt wird es von einem attraktiven Abendprogramm mit Filmen, Kabarett und Aktiven-Treffen der beiden Verbände.

 

Die 47. Naturschutztage im Überblick:

  • Alle Veranstaltungen und Details: www.naturschutztage.de
  • Wann: Do, 4. bis So, 7. Januar 2024
  • Wo: Milchwerk Radolfzell, Werner-Messmer-Straße 14, 78315 Radolfzell
  • Hashtags: #Naturschutztage2024, #NST2024
  • Eröffnungstag, 4.1.: Artensterben, Klimakrise, Menschheitskrise: Sind wir noch zu retten? – mit Grußworten und Vorträgen am Nachmittag sowie Empfang für junge Naturschutzgäste am Abend.
  • Zweiter Tag, 5.1.: Gemeinschaftsaufgabe Artenschutz – mit Fachvorträgen am Vormittag sowie Seminaren und Exkursionen am Nachmittag. Abends laden NABU und BUND Interessierte und Mitglieder zum offenen Treff ein.
  • Dritter Tag, 6.1.: Zukunftsfähige Landwirtschaft – mit Fachvorträgen und prominent besetzter Podiumsdiskussion am Vormittag (u.a. mit der österreichischen Grünen-Politikerin und EU-Abgeordneten Sarah Wiener), Seminaren und Exkursionen am Nachmittag.
  • Abschlusstag, 7.1.: Erfolgreicher Naturschutz im Ländle – mit Vorträgen am Vormittag und Verabschiedung durch den BUND.

 

Pressebilder:

Bilder zu den Naturschutztagen können Sie mit Angabe der Fotoautor*innen und im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Naturschutztage kostenlos verwenden. Bitte beachten Sie die Quellenangaben in den Dateinamen: https://next.nabu-bw.de/s/fxQ3dkyHfHMZyP5

 

Über die Naturschutztage:

Seit den 1970er Jahren treffen sich Interessierte zu Austausch und Weiterbildung bei den Naturschutztagen am Bodensee. Was vor fast 50 Jahren in einer Turnhalle begann, gilt mittlerweile als größtes Treffen von ehren- und hauptamtlichen Naturschützer*innen im deutschsprachigen Raum. Seit 1987 veranstalten die baden-württembergischen Landesverbände von BUND und NABU die Naturschutztage gemeinsam. Die 46. Naturschutztage endeten im Januar 2023 nach vier Tagen mit rund 1.000 Besuchenden.

 

Kontakt für die Presse: Claudia Wild, Pressesprecherin NABU Baden-Württemberg, Tel. 0711 966 72-16, Presse(at)NABU-BW.de

 

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