BUND-Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch und MdB Harald Ebner entnahmen gemeinsam eine Trinkwasserwasserprobe in Schwäbisch Hall.
(Wahlkreisbüro Harald Ebner)
Stuttgart/Heilbronn. Unsere Trinkwassergewinnung ist zunehmend gefährdet. Aktuelle bundesweite Stichproben des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeigen: In der überwiegenden Mehrheit der untersuchten Trinkwasserproben sind per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS), nachweisbar. Auch in vier Trinkwasser-Proben, die BUND-Aktive aus Baden-Württemberg eingereicht haben, wurden die sogenannten Ewigkeitschemikalien gefunden. Sie stammen aus Bad Wimpfen (Landkreis Heilbronn), der Stadt Heilbronn, Rastatt (Landkreis Karlsruhe) sowie Schwäbisch Hall. Dass dabei aktuell die PFAS-Werte jeweils noch unter den ab 2026 bzw. 2028 geltenden Grenzwerten liegen, ist den Unternehmen der Wasserversorgung zu verdanken, die dafür häufig unbelastete Wässer beimischen müssen.
Sylvia Pilarsky-Grosch, BUND-Landesvorsitzende: „Unsere Stichproben zeigen, dass PFAS längst in unserem Wasserkreislauf vor Ort angekommen sind. Wir fordern von der Landesregierung, sich endlich für eine Beschränkung der gesamten Stoffgruppe in der Chemikalienregulierung der Europäischen Union einzusetzen. Für Wasserwerke wird es sonst immer aufwendiger und teurer, Trinkwasser sauber aufzubereiten. Die entstehenden Kosten zahlen derzeit die Verbraucher*innen. Die Kommunen im Land fordern wir deshalb auf, die Verursachenden zu identifizieren und zur Kasse zu bitten.“
Vor allem TFA weit verbreitet
Am häufigsten und in den höchsten Konzentrationen wurden bisher nicht regulierte PFAS gefunden, welche teils als „Ersatzstoffe“ für die weniger als 20 regulierten PFAS eingesetzt werden: Trifluoracetat (TFA), Perfluorbutansäure (PFBA) und Perfluorpropansäure (PFPrA). Letztere Substanz läuft bisher gänzlich unter dem Radar der Behörden und ist auch in keinen zukünftigen Messprogrammen vorgesehen. Da ein Großteil des Trinkwassers in Deutschland aus Grundwasser gewonnen wird, haben BUND-Aktive in Baden-Württemberg auch zwei Proben aus Brunnen eingereicht. Hierbei gibt erneut der TFA-Wert bei einer Messstelle oberhalb der Fluorchemie-Firma Solvay in Bad Wimpfen Grund zu Besorgnis: Er liegt mit rund 12 Mikrogramm pro Liter über der Empfehlung des Umweltbundesamtes für dieses kleinste, aber stark toxische PFAS-Molekül. TFA wird mittlerweile von drei Bundesinstituten als fortpflanzungsschädigend eingestuft.
Karin Haug, Regionalvorständin BUND Heilbronn-Franken: „Die erhöhten TFA-Werte eines Brunnens oberhalb des Solvay-Werksgeländes zeigen, dass die von der Firma inzwischen angekündigte Einstellung der Produktion und Emission von TFA für 2026 noch lange nicht das Ende unseres BUND-Einsatzes bedeutet. Im Trinkwasser können PFAS zwar noch aufwendig mit weniger belastetem Wasser vermischt werden, doch was ist mit unseren Lebensmitteln, unseren Böden, Flüssen und Bächen? Wir werden in der Region dranbleiben und planen Bodenproben vor Ort.“
Neue Grenzwerte
Im Januar 2026 und 2028 treten neue PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser in ganz Deutschland in Kraft. Die Einhaltung dieser PFAS-Grenzwerte stellt Wasserbetriebe vor erhebliche technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Die derzeit verfügbaren Verfahren zur PFAS-Entfernung sind teuer, energie- und ressourcenintensiv und überdies bei TFA nur begrenzt wirksam.
Sylvia Pilarsky-Grosch: „Wasserversorger können nicht die Müllabfuhr einer verfehlten Chemikalienpolitik sein. Nur eine umfassende PFAS-Beschränkung kann die zunehmende Verschmutzung unserer Umwelt stoppen. Alternativen sind in vielen Bereichen bereits verfügbar, etwa für Textilien, Pfannen und Kältemittel. Die Politik muss jetzt handeln und uns alle schützen.“
So hat der BUND getestet
Von Juni bis Oktober 2025 haben BUND-Aktive insgesamt 62 Wasserproben in ganz Deutschland genommen, die in Fachlaboren analysiert wurden. Von den 46 Trinkwasserproben waren in 42 PFAS enthalten. Besonders gravierend waren dabei die Grenzwertüberschreitungen in Ostdeutschland. Auch Dreiviertel der Grundwasserproben enthielten Ewigkeitschemikalien. Über Tests und Stichproben macht der BUND auf kritische Entwicklungen aufmerksam, fordert die Politik zum Handeln auf und macht damit das Vorsorgeprinzip stark. Ganze Testprogramme sind jedoch Aufgabe des Staates und von einem gemeinnützigen Verband nicht finanzierbar.
Hintergrund:
PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind eine Gruppe von über 10.000 synthetischen Chemikalien, die aufgrund ihrer extremen Langlebigkeit als Ewigkeitschemikalien gelten. Diese Langlebigkeit führt dazu, dass sie über Jahrzehnte in der Umwelt bleiben und in Flüsse, Böden, Lebensmittel und letztlich in den menschlichen Körper gelangen. Wegen ihrer fett-, wasser- und schmutzabweisenden Wirkung werden sie häufig eingesetzt, etwa bei Anti-Haft beschichteten Pfannen, Outdoor-Textilien, Teppichen, aber auch in Pestiziden und Kältemitteln.
Bisher ist lediglich die Produktion und Verwendung von weniger als rund 20 der über 10.000 PFAS-Einzelsubstanzen reguliert. Eine Beschränkung der gesamten Gruppe wird zurzeit auf EU-Ebene diskutiert. Für Trinkwasser treten ab 2026 ein Grenzwert für die Summe von 20 PFAS in Kraft, ein strikterer für die Summe von vier PFAS ab 2028. Für Lebensmittel gelten lediglich Grenzwerte für vier PFAS, welche je nach Lebensmittel, zum Beispiel bei Fisch, sehr hoch angesetzt sind.
Bereits heute sind Menschen im Alltag zu hohen Konzentrationen von Ewigkeitschemikalien ausgesetzt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte 2021 unter Verwendung der Daten aus den Überwachungsprogrammen der Bundesländer fest, dass die täglich aufgenommene PFAS-Menge bereits über dem gesundheitlich kritischen Wert liegt und eine Beeinträchtigung des Immunsystems durch die Chemikalien nicht ausgeschlossen werden kann.
Der BUND hatte bereits im August 2025 eine Untersuchung zur PFAS-Belastung von Lebensmitteln veröffentlicht. Diese zeigte erhöhte Konzentrationen insbesondere in Fischen, Innereien und Hühnereiern aus Hobbyhaltungen.
Mehr Informationen:
- Hintergründe und Ergebnisse des bundesweiten BUND-Trinkwassertests
- Erfolg für BUND-Einsatz: Solvay kündigt Produktionsstopp für TFA in Bad Wimpfen an
- BUND Heilbronn-Franken: PFAS - Ewigkeitschemikalien verbieten
Kontakt für Rückfragen:
- Sylvia Pilarsky-Grosch, Landesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg, Sylvia.Pilarsky-Grosch(at)bund-bawue.de, 0172 / 83 44 294
- Dr. Karin Haug, Vorständin des BUND Heilbronn-Franken, dr-karin-haug(at)gmx.de
- Ramona Fritz, Referentin für Presse- & Öffentlichkeitsarbeit des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Baden-Württemberg, Ramona.Fritz(at)bund-bawue.de, 0711 620306-17


