Heute will sich niemand mehr ehrenamtlich engagieren. Stimmt das?
Einen positiven Blick brachten die Ergebnisse der so genannten „Freiwilligen-Surveys“: Im Auftrag der Bundesregierung wurden 1999 und 2004 etwa 15 000 Menschen in einer Repräsentativerhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement befragt. Zentrales Ergebnis dieser Untersuchungen in beiden Jahren ist:
36 Prozent der Bevölkerung sind engagiert, 32 Prozent der Bevölkerung sind „engagement-bereit“. Unter den bereits engagierten sind 14 Prozent zu mehr Engagement bereit.
Über 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind also für ein freiwilliges Engagement offen. Viele davon befinden sich in einem „Schwebezustand zwischen Wollen und Handeln“. Es gibt aber eine massive Konkurrenz zu anderen Lebensgestaltungsmöglichkeiten sowie zu Gewohnheiten und Verpflichtungen.
Natur- und Umweltthemen – völlig außer Mode?
Eine weitere, im BUND weit verbreitete Meinung ist, dass sich Menschen eher woanders engagieren wollen als gerade im Umwelt- und Naturschutz.
Dazu einige Zahlen und ein Eindruck:
In den Freiwilligensurveys war der Natur- und Umweltschutz auf Platz 3 hinter dem Interesse an einem Engagement im Sport und im sozialen Bereich.
In der Studie „Umweltbewusstsein 2004“ des Umweltbundesamtes wurde die Frage gestellt: „Können Sie sich vorstellen, sich aktiv für den Umwelt- und Naturschutz zu engagieren, z.B. als ehrenamtlich Tätiger in einer Umwelt- oder Naturschutzgruppe oder auch durch Beteiligung an einzelnen Aktivitäten und Projekten“. Darauf antworteten 33 Prozent der Befragten mit „Ja“.
Sowohl die Naturschutz-Umfrage unter den BUND-Gruppen in Baden-Württemberg im Jahr 2006, als auch die vielen guten Bewerbungen für den Wettbewerb „BUND-Ortsverband des Jahres“ sowie die große Zahl der landesweiten BUND-Aktivitäten, über die uns die BUND-Gruppen und die BUND-Regionalverbände aus ihren Regionen berichten, zeigen: Die Zahl der Leute, die in BUND-Projekten engagiert sind, ist auch heute noch erstaunlich hoch.
Dr. Thomas Schaefer vom BUND Konstanz (600 BUND-Mitglieder) hat eine Liste aller Aktiven erstellt, die sowohl 2005 als auch 2006 in einem der vielfältigen Felder für den BUND tätig waren. Er kam auf über 50. Diese Quote ist im Vergleich zu anderen Vereinen nicht schlecht und sicher auch kein Einzelfall unter den BUND-Gruppen.
Zwischen dem Jahr 2000 und 2005 haben wir im BUND Baden-Württemberg 80 BUND-Kindergruppen gegründet. Geht man davon aus, dass jede Gruppe von zwei Leiter/innen betreut wird, sind dies 160 ehrenamtlich Aktive, viele davon waren vorher nicht beim BUND tätig.
Mehr als 50 Gruppen im BUND Baden-Württemberg führen eine Amphibienaktion durch („Kröten über die Straße tragen“). In aller Regel sind daran mindestens fünf Leute beteiligt. Es gelingt offensichtlich vielen Gruppen, auch dafür Aktive zu gewinnen.
Woher kommt aber der offenbar nicht ganz richtige Eindruck, es sähe schlecht mit dem Engagement für den Natur- und Umweltschutz sowie für den BUND aus?
Das könnte drei Ursachen haben:
- Wir finden weniger BUND-Aktive für politische Arbeit.
Viele langjährige BUND-Aktive betrachten – zu Recht oder nicht - die politische Arbeit, die Arbeit an Planungsverfahren, als „Königsdisziplin“ des BUND. Für dieses Arbeitsfeld ist es heute tatsächlich schwerer als vor 20 Jahren, Aktive zu gewinnen. Damals war der Wunsch, oppositionelle Politik zu betreiben – sei es aus generellem Widerstandsgeist oder als Engage-ment gegen ein konkretes (Eingriffs-)Projekt vor Ort – bei vielen Ehrenamtlichen ein ent-scheidendes Motiv, zum BUND zu kommen. Der Anteil dieser Personen unter den neuen BUND-Aktiven ist heute geringer.
Hinzu kommt, dass der BUND bei „Interessenten am politischen Widerstand“ heute mehr Konkurrenz hat – beispielsweise entsprechende Gruppen im Gemeinderat oder Bürgerinitiativen. Manch ein umwelt-engagierter Mensch hat heute auch die Möglichkeit, einen entsprechenden Beruf zu ergreifen.
- Wir finden nur schwer Aktive für Vorstandsämter.
Die Zahl derer, die mit der Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung zu uns kommen, ist im Vergleich zu früher geringer geworden. Auch der Wunsch, organisierender Teil eines großen Verbandes zu sein, ist heute seltener. Inhaltliche Projektleiter sowie Aktive für den praktischen Naturschutz, für die Mitarbeit bei einer BUND-Ausstellung oder anderen Veranstaltungen lassen sich noch eher finden.
- Wir haben wenige Aktive unter 40 Jahren.
Familien brauchen zeitlich verlässliche und berechenbare Mitmach-Angebote, bei denen auch Kinder dabei sein können. Wir müssen uns fragen, ob wir das genügend bieten. Mehr Familien als vor 20 Jahren stehen heute unter beruflichem Druck.
Jugendliche legen besonders viel Wert auf Mitarbeit in zeitlich begrenzten, konkreten Projekten. Für sie ist die persönliche Nähe zu ihrer Altersgruppe oder zu Gleichgesinnten besonders wichtig. Lockerheit und Spaß sowie wirksame Öffentlichkeitsarbeit sind weitere Ansprüche. Dazu gehört auch das unbefangene Ausprobieren von Ideen. Der Erwerb von zusätzlichen Fähigkeiten für den (späteren) Start ins Arbeitsleben ist wichtiger denn je. Auch in diesem Bereich müssen wir unsere Strategien überdenken