Laudatio von Dr. Brigitte Dahlbender, BUND-Landesvorsitzende

 

Liebe Gäste der Naturschutztage,

es ist mir eine Ehre und eine Freude, als Landesvorsitzende des BUND zum vierten Mal den Gerhard-Thielcke-Naturschutzpreis des BUND-Landesverbands zu verleihen. Erlauben Sie mir, Ihnen zunächst einige Worte zum Preis selbst zu sagen:

 

Zum 75. Geburtstag des BUND-Mitbegründers und langjährigen BUND-Landesvorsitzenden Gerhard Thielcke schuf der BUND 2006 einen Naturschutzpreis, der nach ihm benannt ist und für den Gerhard Thielcke die Vergabe-Kriterien formuliert hat. Der BUND-Landesvorstand entscheidet über die Preisvergabe. Der Preis wird in aller Regel bei den Naturschutztagen am Bodensee verliehen, also bei einer Veranstaltung, die Gerhard Thielcke von über 30 Jahren begründet hat und mit der er sich bis zum seinem Tod im Jahr 2007 in besonderer Weise verbunden fühlte.

 

Die bisherigen Preisträger sind Eberhard Koch vom BUND Westlicher Hegau, Kreis Konstanz, Günter Künkele, ein engagierter Naturschützer, Naturfotograf und Buchautor aus Bad Urach und Reinhard Wolf aus Marbach am Neckar, der beim Regierungspräsidium Stuttgart die Naturschutzabteilung leitet.

 

Als Preisträgerin für dieses Jahr hat der BUND-Landesvorstand die Landwirtschaftsmeisterin Anneliese Schmeh bestimmt, übrigens auf Vorschlag des BUND-Ortsverbands Überlingen. Frau Schmeh lebt mit ihrer Familie auf dem Hagenweilerhof in Überlingen-Lippertsreute. Ob bei Aktionen gegen Gentechnik, in der Direktvermarktung, beim Naturschutz oder bei der Erhaltung des regionalen Schlachthofs in Überlingen – immer hat Frau Schmeh durch ihr Wissen, ihren Mut, ihre Energie und ihr Verhandlungsgeschick beeindruckt.

 

Schon 1986 stellte Anneliese Schmeh ihren Hof auf ökologische Wirtschaftsweise um und schloss sich Bioland an. Auf ihrem Land wachsen nur Hochstämme, keine Plantagen. Es gibt Heckenpflanzungen und Eulenkästen, eine Quelle versorgt Bach und Tiere mit Wasser.

 

Die Sorge um die bäuerliche Landwirtschaft ist für sie die größte Motivation. 1988 war Anneliese Schmeh Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) in Baden-Württemberg. Sie ist seitdem die Landesvorsitzende. Im gleichen Jahr war sie gemeinsam mit dem damaligen BUND-Landesvorsitzenden Hans-Jörg Breitinger Mitbegründerin des Neuland-Bundesverbands, der unter der Marke „ Neuland“ Fleisch aus artgerechter Tierhaltung vertreibt.

 

Das alles beherrschende Thema ihrer politischen Arbeit ist schon seit vielen Jahren die Gentechnik. Um eine Durchsetzung der Gentechnik über die Züchterverbände zu verhindern, hat sie zur Erhaltung des Bauernprivilegs zusammen mit andern Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft die Interessengemeinschaft  Nachbau gegründet. Diese Initiative hat in mehreren Prozessen bis zum Europäischen Gerichtshof erreicht, dass Bauern weiterhin ihr eigenes Saatgut aussäen dürfen.

 

Unermüdlich hat sie sich in Gesprächen, Vorträgen und Diskussionen gegen die Agro-Gentechnik stark gemacht. Bei Politikern und Behörden genauso wie bei Bauernversammlungen, Landfrauen und kirchlichen Veranstaltungen. 2004 wurde von Kommunen und Bauern auf Druck der Landwirte in Überlingen und Umgebung die erste gentechnikfreie Region in Baden-Württemberg ausgerufen. Anneliese Schmeh war dabei eine treibende Kraft. Über 5000 Hektar werden im Raum Überlingen seither und in Zukunft gentechnikfrei bewirtschaftet.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk im Jahr 2004 hat sie ihr Engagement wir folgt beschreiben und begründet: „Wir möchten eine intakte Region erhalten. Und es zählen nicht nur Arbeitsplätze im Tourismus, sondern auch in der Landwirtschaft. Wir können uns als landwirtschaftliche Betriebe dabei ergänzen. Wir arbeiten daran, einen wirtschaftlichen Kreislauf aufzubauen. Ein wirtschaftlicher Kreislauf - vom gentechnikfreien Saatgut und Futtermittel bis hin zum gentechnikfreien Produkt.“

 

Auch der Impuls den regionalen Schlachthof in Überlingen zu erhalten, ging von Anneliese Schmeh aus. Geschickt hat sie auf diesem Weg die regionale Vermarktung gesichert, die Erzeuger vor der Abhängigkeit von weiter entfernten Großschlachthöfen geschützt und unnötige Tiertransporte verhindert. Metzger, Landwirte,  Hofläden und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft sind heute Gesellschafter des Überlinger Schlachthofs – die Gemeinden sind stille Teilhaber. Das Projekt, das 1995 in London mit dem Europäischen Umweltpreis von zwei renommierten Stiftungen ausgezeichnet wurde, funktioniert nun schon seit Jahren.

 

Wir vom BUND haben Anneliese Schmeh auch auf Grund einer weiteren, wichtigen Eigenschaft schätzen gelernt: Es gehört zu ihrem Stil und zu ihren besonderen Fähigkeiten, Kooperationen aufzubauen und mit Bündnispartnern dauerhaft erfolgreich zusammen zu arbeiten. Auch dafür genießt sie in ihrer Region, aber auch landesweit und darüber hinaus, große Hochachtung. Ihre Meinung zählt in der Landwirtschaft, bei den Bürgern und auch bei den Umweltverbänden.

Wir vom BUND-Landesverband Baden-Württemberg verleihen daher mit herzlichem Dank für ihr großes Engagement und mit großer Freude den Gerhard-Thielcke Naturschutzpreis 2010 an Anneliese Schmeh.

 

 



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