Drastische Rheinerwärmung bedroht Wanderfischarten

BUND fordert sofortige Energiewende und kritisiert Falschinformationen durch Kraftwerksbetreiber

Mannheim. Noch vor 50 Jahren stieg die Rheintemperatur bei Mannheim auch im Hochsommer nur ganz selten über 25°C. Heute erreicht sie 28°C und mehr und liegt damit bereits drei Grad über dem natürlichen Niveau. Auf diesen alarmierenden Anstieg wies der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bei einer Pressekonferenz am heutigen Donnerstag in Mannheim hin und forderte die Landesregierung dazu auf, eine sofortige Energiewende einzuleiten. „Die Atomkraftwerke am Rhein und seinen Nebenflüssen müssen so schnell wie möglich vom Netz“, forderte Berthold Frieß, Landesgeschäftsführer des BUND Baden-Württemberg. „Atomkraftwerke sind hinsichtlich ihrer CO2-Belastung nicht klimafreundlich und schon gar nicht durch ihre Wärmeemissionen in die Gewässer.“
Eine aktuelle Studie des BUND hat ergeben, dass zwei Grad der Temperaturerhöhung aus der Ableitung der Abwärme von Kraftwerken wie z.B. den Atomkraftwerken Fessenheim und Neckarwestheim und den Kohlekraftwerken in Karlsruhe und Mannheim in den Rhein und seine Nebenflüsse resultieren. Ein Grad ist schon jetzt auf den Klimawandel zurückzuführen.

Abhilfe gegen die Erwärmung kann nach Meinung des BUND nur die rasch eingeleitete Energiewende bringen. Im Hitzesommer 2003 musste das Atomkraftwerk Obrigheim bereits wegen zu hoher Erwärmung des Kühlwassers abgeschaltet werden und die Atomkraftwerke Neckarwestheim und Philippsburg mussten ihre Leistung reduzieren. „Die Energieversorgung durch fossile Großkraftwerke ist keinesfalls sicher. Entsprechende Behauptungen der EnBW werden durch ständige Wiederholungen auch nicht richtiger. Der Klimawandel führt bekanntlich nicht dazu, dass unsere Sommer kälter werden. Jedes zusätzliche Kraftwerk am Rhein und seinen Nebenflüssen ist ein Risiko für die Versorgungssicherheit. Es ist dringend notwendig, dass die Energiewende hin zu mehr Erneuerbaren Energien mit großer Entschlossenheit eingeleitet wird.“, zeigte sich BUND-Landesgeschäftsführer Frieß überzeugt.
Auch die Kohlekraftwerke tragen in erheblichem Umfang zur Erwärmung der Flüsse bei. „Der Egoismus der Energiekonzerne muss endlich ein Ende finden. Der Neubau des Kohlekraftwerks Mannheim ist klima- und gewässerpolitisch unverantwortlich“, betonte Matthias Weyland, Regionalgeschäftsführer des BUND Rhein-Neckar-Odenwald. Er verwies auf Angaben aus dem Bundesumweltministerium, wonach in ganz Deutschland bis 2020 nur etwa 9 Gigawatt an neuen Kohlekraftwerken notwendig sind. Davon sind jetzt schon knapp 8 Gigawatt im Bau, die Energiewirtschaft hat jedoch weitere 21,4 Gigawatt geplant.

Der BUND kritisierte, dass  der amtliche Wärmelastplan des Rheins seit 1971 nicht mehr aktualisiert wurde. Die BUND-Studie zeige jetzt: Die Wärmebelastung ist gigantisch! In Deutschland, Frankreich und der Schweiz leiten die Kraftwerke bis zu 17000 Megawatt an Abwärme direkt in den Rhein ein. Hinzu kommen etwa 5000 Megawatt durch die Industrie. Nimmt man die Abwärmeeinleitungen aus den Nebenflüssen Aare, Neckar, Main, Mosel/Saar und Lippe noch hinzu, beläuft sich die Abwärmelast im Rheineinzugsgebiet auf über 30.000 Megawatt. Allein die Abwärmeleistung der Atomreaktoren in Neckarwestheim in den Neckar liegt bei 1800 Megawatt. Spitzenreiter im baden-württembergischen Rheinbereich sind aber die beiden Atomreaktoren der Electricité de France im elsässischen Fessenheim. Sie besitzen keine Kühltürme und heizen allein mit annähernd 4000 Megawatt das Wasser des Rheinseitenkanals um bis zu 2 Grad Celsius auf. „Die Landesregierung muss dafür sorgen, dass für den gesamten Flusslauf unverzüglich wieder ein aktueller Wärmelastplan unter der Koordination der Internationalen Kommission zum Schutze des Rheins (IKSR) aufgestellt wird“, forderte  Frieß. Grundsätzliche Kritik äußerte der BUND an der Ineffizienz von Kohle- und Atomkraftwerken: “Da geht gigantisch viel Energie den Bach runter. Das wird daran deutlich, dass allein die ungenutzte Abwärme aller in Deutschland betriebenen Kraftwerke ausreichen würde, um sämtliche Gebäude in der Bundesrepublik zu heizen“, sagte Frieß.

Die Studie kam weiter zu dem Ergebnis, dass die Rheinerwärmung  gravierende Probleme für Wanderfischarten mit sich bringt. Z.B. stellen Jakobslachse, die im Sommer den Rhein aufwärts schwimmen, bei 25 Grad Wassertemperatur ihre Wanderung ein, da die Einleitung der Abwärme wie eine thermische Barriere wirkt. Frieß verwies in diesem Zusammenhang auf die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, die vorschreibt, dass Flüsse bis 2015 eine intakte Fischfauna aufweisen müssen. Trotzdem fehlen im aktuellen Bewirtschaftungsplan des Rheins immer noch wirkungsvolle Maßnahmen.
Seit Jahren wird versucht, den Lachs im Rhein wieder anzusiedeln. „Das Programm zur Wiederansiedelung der Lachse muss unterstützt werden, indem nur noch Kraftwerke gebaut werden, die unbedingt notwendig sind und deren Abwärme weitgehend genutzt werden kann“, forderte der Gewässerexperte Dr. Jörg Lange vom Verein Regiowasser Freiburg.

Auch die bereits in den 1980er Jahren diskutierte Abwärmeabgabe muss in Berlin und Brüssel wieder auf die politische Agenda gesetzt werden, forderte der BUND weiter: „In Zeiten eines rasanten Klimawandels müssen die Abwärmeeinleiter auch über den finanziellen Hebel gezwungen werden, ihre thermische Flussverschmutzung endlich zu verringern“, hob Frieß hervor.

Die Studie in Langfassung

Die Studie in Kurzfassung

Bei Rückfragen:

 

 

 

 

Anzahl von Tagen, die bestimmte Wassertemperaturen im Rhein (1908-2005) bei Lobith unter- bzw. überschreiten (Quelle: www.waterbase.nl)).
Anzahl von Tagen, die bestimmte Wassertemperaturen im Rhein (1908-2005) bei Lobith unter- bzw. überschreiten (Quelle: www.waterbase.nl)).


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