Lebendige Bäche und Flüsse

Von Professor Dr. Gerhard Thielcke

Mit unseren Aktivitäten an Fließgewässern verwirklichen wir unser Leitbild von Lebendigen Bächen und Flüssen. Der hohe Naturschutzwert von Flüssen, die von Menschen unbeeinflusst sind, liegt in ihrer Dynamik. Sie entsteht aufgrund physikalischer Gegebenheiten (Querturbulenzen, Schleppkraft). Weitere Einflussgrößen sind die Art des geologischen Untergrunds, jahreszeitlich verschiedene Wasserführung, das Ausmaß der Eisführung, Einflüsse der Vegetation (z.B. Staus von umgestürzten Bäumen) und von Tieren (z.B. Wasserbau von Bibern) und Wechselwirkungen zwischen Fließgewässer und Aue.

Wasserfall, Bild: Pixelio.de

Durch diese und andere Wirkungen entsteht eine Vielzahl von morphologischen Strukturen gerade auch im und direkt am Fluss. Dies sind zum Beispiel:

1. Prallhänge, an denen die Fließgeschwindigkeit hoch ist, die Uferabbrüche, Uferunterspülungen und Eintiefungen zur Folge hat, mit speziell angepassten Pflanzen- und Tierarten,

2. Gleithänge mit geringer Fließgeschwindigkeit; sie verursacht eine zonierte mehr oder weniger verzahnte Ablagerung von erodiertem Material, das zunächst von Pionierpflanzen und -tieren besiedelt wird; ihnen folgen zeitlich versetzt andere Pflanzen- und Tiergesellschaften,

Graureiher, Bild: Pixelio.de

3. Inseln von verschiedenem Alter und verschiedener Struktur mit verschieden weit fortgeschrittener Besiedlung von Pflanzen und Tieren,

4. Kolke; sie können Stillwasserzonen sein mit Ablagerungen von feinem Material mit speziell angepassten Pflanzen und Tieren,

5. Rinnen mit verschieden starker Strömung mit entsprechend angepassten Pflanzen und Tieren.

Nach heutigem Kenntnisstand leben in europäischen Fließgewässern mehrere tausend Tierarten, von denen mindestens 3.105 Arten an die oben angegebenen Biotope angepasst sind. Das heißt: sie können anderswo nicht leben.

Zum Vergleich dazu die Zahl der auf verschiedene Süßwasser-Lebensräume spezialisierten Tierarten:

Fließgewässer

 

 

3.105

Seen

1.293

Grundwasser

1.013

Sümpfe

288

Moore

206

In Fließgewässern (und nur hier) leben also fast so viele Tierarten (3.105) wie in allen anderen Süßwasser-Lebensräumen (2.800). Dazu kommen weitere 1.741 Arten, die sowohl in Fließgewässern als auch in anderen Süßwasser-Lebensräumen vorkommen.

Diese große Vielfalt von Arten in Fließgewässern hat mehrere Gründe. So sind zum Beispiel die physikalischen Bedingungen zwischen Quelle und Mündung verschieden, es gibt sehr viele Strukturen in Fließgewässern, und viele dieser Strukturen waren weit verbreitet, bevor der Mensch eingegriffen hat. Als Folge dieser Eingriffe sind zum Beispiel dynamische Kies- und Sandbänke weltweit bedrohte Biotoptypen. In der Roten Liste gefährdeter Biotoptypen sind naturnahe sommerwarme Flüsse für Deutschland in die Kategorien 1 bzw. 2 eingestuft, d.h. sie sind von vollständiger Vernichtung bedroht oder stark gefährdet.



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