Kalkuliert war Stuttgart 21 mit 2,8 Milliarden Euro. Im Sommer 2008 mussten die Projektpartner einräumen, dass der neue Tunnelbahnhof mindestens 3,076 Milliarden Euro kosten wird. Mit Abschluss der Finanzierungsvereinbarung kam es zur nächsten Kostensteigerung: 4,1 Milliarden Euro soll das Prestigeprojekt nun kosten. Damit es überhaupt noch umgesetzt werden kann, wurde der finanzielle Risikopuffer auf 450 Millionen Euro reduziert. Das größte Infrastrukturprojekt Deutschlands mit einer Bauzeit von mindestens zehn Jahren mit einem derart reduzierten Puffer zu beginnen, sei abenteuerlich und verantwortungslos. „Jeder Häuslebauer kalkuliert mit einem Risikoanteil von mindestens 20 bis 25 % der Investitionskosten - Bahn und Land begnügen sich mit 11 % bei einem aufwändigem Tunnelprojekt in schwierigen geologischen Formationen“, kritisiert die BUND-Landesvorsitzende Dr. Brigitte Dahlbender: „Die Kalkulation des noch vor einem Jahr von der Landesregierung als das am besten gerechnete Infrastrukturprojekt in Deutschland bezeichnete Vorhaben ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gefallen. Bald wird auch die neue Rechnung Makulatur sein. Insofern stehen Bahn und Land heute nicht nur nach der Kostenlüge, sondern gleichzeitig vor der nächsten Kostenlüge“, prognostizierte Dahlbender.
Eine nähere Aufschlüsselung des - derzeitigen - Stands der Finanzierungsanteile finden Sie hier. Aber bereits heute ist absehbar, dass das Projekt wesentlich teurer wird. Die Gefahr ist groß und von Fachleuten bestätigt, dass für das Stuttgarter Prestigeprojekt noch erheblich mehr Steuergelder aufgewendet werden müssen. Dies ist das Ergebnis eines Gutachtens, das der BUND und seine Partner beim renommierten Verkehrsplanungsbüro VIEREGG-RÖSSLER in Auftrag gegeben haben. Auch der Bundesrechnungshof bestätigt mittlerweile unsere Befürchungen.
Am 27. Juli 2010 haben Bahn und Land eine weitere Kostenexplosion zugeben müssen - jetzt auch bei der ICE-Strecke nach Ulm. Statt 2 Milliarden soll sie nun knapp 3 Milliarden Euro kosten, fast 50 % mehr als kalkuliert. „Damit werden unsere Befürchtungen bestätigt, dass Stuttgart 21 in der Kostenfalle steckt“, kommentierte der BUND-Landesgeschäftsführer Berthold Frieß: „Knapp 3 Milliarden Euro für eine Neubaustrecke, auf der nach der von uns heute vorgestellten SMA-Studie maximal zwei ICE-Züge pro Stunde und Richtung verkehren können – da stellt sich verstärkt die Frage nach der Wirtschaftlichkeit.“ Auch müssten die Bahn, der Bund und das Land nun erklären, wie die knapp eine Milliarde Euro Mehrkosten gedeckt werden sollen. Die Investitionsmittel für die Bahn seien im Bundeshaushalt gedeckelt. „Ist bei Stuttgart 21 nun mit längeren Bauzeiten zu rechnen, werden andere wichtige Bahnprojekte im Lande nun nicht mehr zeitnah realisiert oder will das Land noch mehr aus der eigenen Kasse finanzieren?“, fragt Frieß. Für den BUND laute die Konsequenz, auf den Stuttgarter Tiefbahnhof zu verzichten und sich auf eine funktionsfähige und schnelle Neubaustrecke nach Ulm zu konzentrieren.
Nach Ansicht des BUND ist ein Ende der Kostensteigerungen noch nicht absehbar. „Die heute präsentierten Zahlen sind nicht nachvollziehbar und widersprechen den Erfahrungen anderer konkreter Projekte der Deutschen Bahn“, so Frieß: „Bei der geologisch vergleichbaren Neubaustrecke Nürnberg – Ingolstadt kostete jeder Tunnelkubikmeter etwa 840 Euro. Allein für die von der DB veranschlagten 4,946 Millionen Kubikmeter Tunnel bei der Neubaustrecke nach Ulm müssten demnach über 4 Milliarden Euro an Baukosten anfallen.“ Die Projektgegner werden die Kostenberechnung der Bahn auf den Prüfstand stellen und im Herbst 2010 eine neue Kalkulation des renommierten Ingenieurbüros Vieregg&Rössler veröffentlichen.