Seltener Trommler: Der Grünspecht

Grünspecht; © Dietmar Nill/linnea images
Grünspecht; © Dietmar Nill/linnea images

Der Grünspecht (Picus viridis) – auch Grasspecht oder Erdspecht genannt – ist eine Vogelart aus der Familie der Spechte (Picidae). Grün- und Grauspecht (Picus canus) sind die einzigen Vertreter der Gattung Picus in Mitteleuropa.

Beschreibung

Der Picus viridis wird bis zu 31 Zentimeter groß und hat eine Spannweite von bis zu 52 Zentimetern. Seine Oberseite ist dunkelgrün, die Unterseite ist blass hell- bis graugrün gefärbt. Sein Kopf hat an den Seiten eine schwarze Gesichtsmaske, die vom Schnabel bis hinter die Augen reicht. Ohrgegend, Kinn und Kehle sind weißlich, die Flügel sind braunschwarz, gelblich oder bräunlichweiß gefleckt. Die Steuerfedern des Grünspechts sind auf grüngrauem Grund schwärzlich gebändert. Die Männchen haben einen roten Wangenfleck mit schwarzem Rand, bei den Weibchen ist der Fleck einfarbig schwarz.

Lautäußerungen

Grünspechte trommeln wesentlich seltener als die anderen heimischen Spechte. Auffällig ist hingegen der Reviergesang, der von beiden Geschlechtern angestimmt wird. Er klingt wie ein lautes Lachen ("klü-klü-klü"). Die aus bis zu 20 Silben bestehende, nasal klingende Rufreihe, bleibt auf einer Tonhöhe und wird gegen Ende schneller und leiser.

Verbreitung und Lebensraum

Der Grünspecht lebt in großen Teilen Europas und Vorderasiens. Er kommt vom südlichen Skandinavien, Großbritannien über den größten Teil des europäischen Festlands bis in das Mittelmeergebiet und im Südosten bis zum Kaukasus, Turkmenistan und zum nördlichen Iran vor.

Der Picus viridis bevorzugt halboffene Landschaften mit ausgedehnten Althölzern – vor allem Streuobstwiesen, Waldränder, Feldgehölze, Parks und große Gärten mit Baumbestand. In ausgedehnten Waldgebieten lebt er nur in aufgelichteten Bereichen, an Waldwiesen und Lichtungen. Der Grünspecht bevorzugt Laubwälder.

Auf seinem Speisezettel stehen vor allem bodenlebende Ameisen, weshalb er anfällig für Winter mit viel Schnee ist. Der Grünspecht lebt hauptsächlich in Niederungen und in den unteren Lagen des Mittelgebirges.

Lebensweise

Der Grünspecht ist tagaktiv, in der Dunkelheit klettert er nur noch. Er hat eine regelmäßige Aktivitätsphase und fliegt in dieser wochenlang die gleichen Routen und sucht seine Nahrung an denselben Plätzen. Seine Aktivitätsphase dauert zwischen acht Stunden im Dezember und 15 Stunden im Juli. Der Grünspecht bewegt sich geschickt auf dem Boden – er hüpft Strecken bis zu drei Metern ohne zu fliegen. Der Grünspecht ist weitgehend standorttreu und unternimmt nur kurze Wanderungen. Als Strichvogel schweift er im Winter umher, um nach Nahrung zu suchen. Die Jungvögel suchen sich Reviere in der Nähe der Eltern und entfernen sich nur bis zu 30 Kilometer vom Geburtsort.

Ernährung

Er hackt nur selten an Bäumen und sucht sich seine Nahrung fast ausschließlich auf dem Boden. Um die Ameisen in ihren Gängen zu fangen, hat er eine zehn Zentimeter lange Zunge, die in ein verhorntes Ende ausläuft, das mit einem Widerhaken ausgestattet ist. Vor allem im Winter ernährt er sich auch von Fliegen, Mücken und Spinnen. Gelegentlich fressen Grünspechte auch Beeren, Obst wie Kirschen, Äpfel oder Trauben.

Fortpflanzung und Entwicklung

Grünspechte erreichen ihre Geschlechtsreife noch im ersten Lebensjahr. Die Balz beginnt mit dem ersten Rufen der Männchen ab Dezember und nimmt dann über den Januar und Februar zu. Die eigentliche Paarbildung und die Festlegung der Reviergrenzen erfolgt Mitte März bis Anfang April. Die Vögel bilden wahrscheinlich Saisonehen, aber auch mehrjährige Paarbeziehungen werden nicht ausgeschlossen.

Als Nisthöhlen dienen in der Regel verlassene Brut- und Überwinterungshöhlen. Grünspechte sind wählerisch: In Laubwäldern leben sie vor allem in Buchen, Eichen, Bergahorn und Linden. In Auwäldern findet man sie vor allem in Birken, Pappeln, Weiden oder Erlen. Nisthöhlen können sich auch in Obstbäumen, Platanen, Kastanien oder Fichten befinden.

Kurz nach der Paarung legt das Weibchen fünf bis acht weiße Eier mit einer Größe von rund 31 x 23 Millimetern. Die Eiablage beginnt zwischen Anfang April und Mitte Mai. Die Brutdauer beträgt 14 bis 17 Tage. Die Jungvögel fliegen im Juni bis Juli aus. In den ersten drei bis sieben Wochen füttern beide Elterntiere ihren Nachwuchs. Noch bis zu 15 Wochen lang können die Jungvögel einen lockeren Kontakt zu den Eltern haben.  

Bestandsentwicklung

Der Grünspecht ist einer der häufigsten Spechte in Europa. Sein europäischer Gesamtbestand wird auf 370 000 bis 1,7 Millionen Brutpaare geschätzt. Der deutsche Bestand wurde Ende der 1990er Jahre auf 23 000 bis 35 000 geschätzt – damit ist der Grünspecht nach Bunt- und Schwarzspecht der dritthäufigste Specht. Die Bestandsentwicklung wird widersprüchlich dargestellt: In den 1990er Jahren meldeten acht Bundesländer Abnahmen von 20 bis 50 Prozent, drei eine Zunahme in derselben Größenordnung. Fünf Bundesländer schätzten den Bestand als gleichbleibend ein.

Als Grund für die langfristige Abnahme des Spechtbestandes gilt vor allem der Verlust von offenen und strukturreichen Lebensräumen. Der Rückgang der Wiesenameise durch die Umwandlung von Grünland in Ackerland sowie der Einsatz von Bioziden sind dafür eine wesentliche Ursache. Aufgrund der aktuellen Situation und dem Bestandsrückgang in den vergangenen Jahrzehnten wird der Grünspecht in Deutschland und den Niederlanden auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Arten geführt. Auf internationaler Ebene wird er in der Berner Konvention im Anhang II geführt (=zu schützende Art), in der Vogelschutzrichtlinie von 1979 wird der Grünspecht jedoch nicht erwähnt.



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