Herkunfts- und Qualitätssiegel Baden-Württemberg (HQZ) ist in die Kritik geraten

Drei schwarze Löwen auf gelbem Grund – rund 20 Prozent der baden-württembergischen Agrarproduktion werden unter diesem Zeichen vermarktet. BSE-Krise und der Skandal um den Einsatz verbotener Pestizide in HQZ-Obst haben das Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher in das Gütezeichen HQZ, unter dem "Gutes aus Baden-Württemberg" verkauft werden soll, schwer erschüttert, Kritiker fordern schon lange entweder völlige Abschaffung oder eine deutliche Anhebung der Qualitätsstandards mit mehr Transparenz und konsequenten Kontrollsystemen.

1. Am Anfang eine gute Idee: Ein Gütesiegel für Verbraucher und Natur
2. Alle sollen mitmachen können: Qualität bleibt auf der Strecke
3. Minimalforderungen nicht berücksichtigt - BUND kündigt Zusammenarbeit
4. Positivbeispiel Wein
5. Das HQZ in der Krise: BSE und Pestizidskandal
6. Neubeginn nach EU-Vorgabe: Qualitätszeichen Baden-Württemberg
7. Immerhin: Keine Gentechnik auf dem Acker
8. Seit 2002 gibt es ein "Bio-Zeichen Baden-Württemberg"
9. Neue Bio-Einkaufsführer fürs Ländle

1. Am Anfang eine gute Idee: Ein Gütesiegel für Verbraucher und Natur

Auf Anregung des BUND wurde 1989 das Herkunfts- und Qualitätszeichen unter dem damaligen Ministerpräsidenten Späth in Baden-Württemberg eingeführt. Dahinter stand der Gedanke, die heimische Landwirtschaft durch Einführung eines Gütezeichens zu unterstützen, das auch herkunftsorientiert ist. Dem BUND kam es vor allem darauf an, dass das Gütezeichen in gleichem Maße den Verbrauchern und der Natur dienen sollte. Deshalb wurde angeregt, bei der Vergabe des Gütezeichens vor allem Qualität und Rückstandsfreiheit zu berücksichtigen.

2. Alle sollen mitmachen können: Qualität bleibt auf der Strecke

Schnell wurde klar, dass sich das Konzept des BUND nicht mit dem der Landesregierung deckte. Deren Devise lautete von Anfang an "Jeder muss mitmachen können, keiner darf diskriminiert werden!" Entsprechend wurde als Anbauweise generell der integrierte Landbau zugrunde gelegt. Dieser Begriff stand ursprünglich für eine gute Idee: Im Verbund mit biologischen und mechanischen Maßnahmen sollten chemische Mittel nur als letzter Ausweg bei anders nicht zu beherrschenden Schädlingsproblemen zum Einsatz kommen. Der Begriff integrierter Landbau bzw. integrierte Produktion wurde jedoch seit den 80er Jahren durch die agrochemische Industrie besetzt und weitgehend seines Inhalts beraubt.

3. Minimalforderungen von Tierschutz- und Umweltverbänden nicht berücksichtigt – BUND kündigt Zusammenarbeit auf

Jahrelang versuchten die Naturschutzverbände durch Mitarbeit im Qualitätsbeirat und den Produktbeiräten, das HQZ zu einem wirklichen Qualitätszeichen zu entwickeln - mit geringem Erfolg. Schon 1994 fasste der damalige BUND-Landesvorsitzende Dr. Hans-Jörg Breitinger ernüchtert zusammen: "Durch das HQZ wird die integrierte Produktion (IP) salonfähig gemacht... IP ist Standardproduktion mit dem Ziel, u.a. Akzeptanz für Pestizideinsatz zu schaffen. Es wird immer wieder versucht, alle gesetzlich zugelassenen Mittel per Ausnahmegenehmigung einzusetzen... Bei den Pestiziden wird das zugelassen, was die Erzeuger ihrer Ansicht nach brauchen... Ganz offensichtlich werden die Mängel auch in der Tierhaltung. Hier wird als Qualität verkauft, was sowieso Praxis ist (eine Vorschrift lautet beispielsweise: Schweine für das HQZ müssen die letzten 8 Wochen in Baden-Württemberg gemästet werden. Kein Mensch macht etwas anderes, da Schweine in den letzten 120 Tagen der Mast nicht mehr umgestallt werden)... Ein anderer Punkt, der deutlich macht, dass nicht einmal Minimalforderungen von Tierschutz- und Umweltverbänden berücksichtigt werden, ist, dass beim HQZ sogar die Käfighaltung für Legehennen zugelassen ist... Die Kontrollen sind unzureichend. Letztendlich führt das HQZ zu einer massiven Verbrauchertäuschung." Als Konsequenz schlug Dr. Breitinger dem Landesnaturschutzverband (LNV) vor, aus der Mitarbeit in den Beiräten auszusteigen. Wenig später beendete er seine Mitwirkung in den Beiräten.

4. Positivbeispiel Wein

Doch es geht auch anders: Nicht bei allen Produkten liegt das HQZ-Niveau nur knapp über dem Anspruch der guten fachlichen Praxis. Ein Positivbeispiel ist das Projekt "umweltschonender Weinbau in Baden-Württemberg", das Voraussetzung für das HQZ für Wein und Trauben ist. Dabei werden Herbizide (mindestens für den badischen Landesteil), Insektizide und Fungizide gegen Botrytis ausgeschlossen. Erlaubt sind chemische Pestizide gegen den echten und falschen Mehltau. Das sind die zwei Pilzkrankheiten, deren Bekämpfung mit den Mitteln, die im ökologischen Weinbau erlaubt sind, viel Fachwissen und Können voraussetzt, und die sicher manchen Weingärtner an der Umstellung auf Öko-Weinbau hindern. So verstanden, ist integrierter Anbau eine qualifizierte Zwischenstufe zwischen konventionell und ökologisch und bringt eine wirkliche Umweltentlastung außerhalb der wenigen Prozent ökologisch bewirtschafteter Fläche. Leider sind die Kriterien bei den meisten anderen Produkten weit von diesem Niveau entfernt.

5. HQZ in der Krise: BSE und Pestizidskandal

Die wenig anspruchsvollen Qualitätskriterien des HQZ blieben auch den Verbrauchern nicht verborgen. Wie unzureichend beispielsweise die Qualitätskriterien für die Tierhaltung sind, wurde einer breiten Öffentlichkeit schlagartig durch die BSE-Krise klar. Von den ersten drei BSE-Fällen, die nach der Einführung flächendeckender Tests zum Jahresende 2000 in Baden-Württemberg nachgewiesen wurden, waren zwei HQZ-Betriebe betroffen. Das Ansehen des "Schwabenstempels" sank auf den Nullpunkt. Erstmals waren nun auch die Bauernverbände bereit, über Verbesserungen der Qualitätskriterien ernsthaft nachzudenken.

Kurz darauf wurden in Obst vom Bodensee, das unter dem HQZ vermarktet wurde, Rückstände von Pestiziden festgestellt, die nicht nur beim Anbau nach den HQZ-Richtlinien, sondern generell in Deutschland für Obst nicht zugelassen sind. Darunter unter anderem auch Dicofol. Das Mittel unterscheidet sich vom berüchtigten DDT nur durch ein einziges Sauerstoff-Atom mehr in der Strukturformel und ist produktionsbedingt mit geringen Mengen an DDT verunreinigt. Die verbotenen Stoffe waren illegal aus Italien importiert worden, wie sich herausstellte. Rückstände von für diese Kulturen nicht zugelassenen Pestiziden wurden auch an Birnen aus Hohenlohe und Obst vom Kaiserstuhl festgestellt.

Schwer wiegt in diesem Zusammenhang, dass die festgestellten Verstöße monatelang unter der Decke gehalten wurden. Verbraucher, die Vertrauen in ein Zeichen entwickeln und für die Produkte mehr bezahlen sollen, haben Anspruch auf rückhaltlose und umgehende Information. Die schleppende Aufklärung spricht gegen die bestehende Praxis des HQZ-Systems und die Agrarbehörden des Landes.

6. Neubeginn nach EU-Vorgabe: Qualitätszeichen Baden- Württemberg

Nach dem massiven Vertrauensverlust sprach viel dafür, das HQZ einfach abzuschaffen. Als weitere Lösung bot es sich an, den Gedanken "Heimat verkaufen" in den Mittelpunkt zu stellen und aus dem HQZ ein reines Herkunftszeichen ohne Qualitätsaussagen zu machen. Damit würde der Verzicht auf die Möglichkeit, die Landwirtschaft jenseits der paar Prozent Öko-Landbau in Richtung auf mehr Umweltverträglichkeit zu bewegen, in Kauf genommen. Als dritte Möglichkeit wurde vorgeschlagen, sinnvoll mit der Krise umzugehen und das HQZ doch noch zu einem Qualitätszeichen weiterzuentwickeln.

Die Entscheidung wurde dem Land von der Europäischen Kommission abgenommen: Die EU-Kommission wollte nicht zulassen, dass mit öffentlichen Mitteln die Herkunft von Agrarprodukten werblich unterstützt wird. Andererseits fördert die EU Qualitätsprogramme. Nach zähen Verhandlungen einigten sich die EU-Kommission und die Regionen mit Qualitätsprogrammen auf einen Kompromiss: Die Regionen dürfen ihre Qualitätsprogramme fortführen, die in jedem Produktbereich mit mindestens einem Kriterium über dem gesetzlichen Standard sind. Die Herkunft darf ausgelobt werden, muss aber in der Kennzeichnung und Werbung zweitrangig sein.

Dieser Entscheidung folgend, rückte das "H" nach hinten: Das "Qualitätszeichen Baden-Württemberg - gesicherte Qualität mit Herkunftsangabe" war geboren. Den Anspruch, besondere Qualität deutlich über dem gesetzlich vorgeschriebenen Standard zu liefern, erfüllt auch das neue Zeichen nur sehr bedingt.

Beispiel Ackerbau:

Verbindlich vorgeschrieben sind "integrierte" Maßnahmen wie regelmäßige Bodenanalysen, Pflanzenschutz nach Schadschwellen, Dokumentation umweltrelevanter Bewirtschaftungsangaben, Begrenzung der Nährstoffüberschüsse. Dazu müssen aus einem Katalog fakultativer Maßnahmen wie dreigliedrige Fruchtfolge, Anlage von Ackerrandstreifen, Begrünung mit Mulchsaat, Anwendung verlustmindernder Spritzgeräte, Wahl resistenter Sorten usw. ein paar Maßnahmen ausgewählt werden - bei Kartoffeln z.B. mindestens drei aus neun, bei Mais drei aus acht, bei Getreide zwei aus fünf. 

7. Immerhin: Keine Gentechnik auf dem Acker

In einem Punkt ist das Qualitätszeichen konsequent: Es dürfen keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden. Das Qualitätszeichen Baden-Württemberg ist gentechnikfrei auf dem Acker. Leider hört die Konsequenz im Stall schon wieder auf. Die Formulierung für die Erzeugung von Rind und Schweinefleisch lautet: "Gentechnisch veränderte Futterbestandteile oder Futtermittel, die mit Hilfe von gentechnischen Verfahren erzeugt wurden oder Pflanzen, die von gentechnisch verändertem Saatgut stammen, sollen nach Möglichkeit nicht eingesetzt werden." Die Möglichkeit, genverändertes Futter zu vermeiden, wurde kürzlich gewaltig verbessert: Sie dem 18.04.2004 müssen Futtermittel mit genveränderten Bestandteilen gekennzeichnet werden.

8. Seit 2002 gibt es ein "Bio-Zeichen Baden-Württemberg"

Es setzt als Grundanforderung die EG-Ökoverordnung voraus. Darüber hinaus dürfen Produkte grundsätzlich nur dann das "Bio-Zeichen Baden-Württemberg" tragen, wenn sie aus Betrieben kommen, die komplett auf Öko-Produktion umgestellt haben - ein wichtiger Unterschied zur europäischen Verordnung - und deren Produktionskette eindeutig in Baden-Württemberg nachvollziehbar ist.

9. Neue Bio-Einkaufsführer fürs Ländle

Für ganz Baden-Württemberg sind jetzt neue Bio-Einkaufsführer mit Adressen von Bio-Höfen, Bäckereien und Metzgereien, Abo-Kisten-Betrieben und Naturkostläden erschienen. Es gibt fünf verschiedene regionale Ausgaben: "Nordwest", "Nordost", "Mitte", "Südwest" und "Südost". Jedes Verzeichnis ist alphabetisch nach Landkreisen und dann nach Postleitzahlen gegliedert. Symbole machen auf einen Blick deutlich, welche Produkte die einzelnen Verkaufsstellen anbieten.
Verbraucher können den Einkaufsführer für ihre Region kostenlos bestellen unter www.bio-zeichen-baden-wuerttemberg.de oder bei der

Geschäftsstelle der AÖL
Schelztorstr. 49
73728 Esslingen
Fon 0711 550939-55
Fax 0711 550939-50



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