Große Risiken, keine Vorteile

Mais - Bild: Michael Bührke, pixelio

Die Gentechnikindustrie versucht durch Genmanipulation Pflanzen wie Mais, Kartoffeln und Sommerweizen widerstandsfähiger gegen Insekten und Pilze zu machen. Über 80 Prozent aller Gentech-Pflanzen sind zudem herbizidtolerant - im Gegensatz zu allen anderen Pflanzen auf dem Acker sterben sie nicht ab, wenn sie mit Unkrautvernichtungsmitteln besprüht werden. Glaubt man der Industrie, kann sie mit Hilfe der Gentechnik die Erträge in der Landwirtschaft steigern, den Chemieeinsatz auf dem Feld reduzieren, Arbeitsplätze schaffen und sogar den Hunger in der Dritten Welt bekämpfen. Doch diese Versprechen haben sich nicht erfüllt - im Gegenteil.

In den USA, wo die Hälfte aller weltweit angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen wachsen, konnten Farmer keine höheren Erträge erzielen als mit konventionellem Saatgut. Bei genverändertem Soja mussten US-Landwirte sogar eine geringere Ernte in Kauf nehmen. Der Grund: Die Genmanipulation belastet den Stoffwechsel einer Pflanze und schwächt ihre natürliche Krankheitsabwehr - sie ist zwar resistent gegen bestimmte Insekten und Pilze, aber anfällig für andere Schädlinge und Krankheiten. Der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln steigt in genmanipulierten Kulturen nach wenigen Jahren drastisch, wie viele Studien belegen. Denn auf den Gentechnik-Äckern wachsen rasch Unkräuter, die resistent sind gegen den in die Pflanzen eingebauten künstlichen Schutz. Darum müssen die Landwirte sie wiederum mit Gift bekämpfen.

Auch das vielbeschworene Arbeitsplatzpotenzial der Agro-Gentechnik lässt sich nicht mit Zahlen belegen. Gentechnik in der Landwirtschaft ist vielmehr eine Rationalisierungstechnologie, die Arbeitsplätze vernichtet.

Und schließlich ist auch der Hunger in der Dritten Welt nicht weniger geworden. Alle gentechnisch veränderten Pflanzen auf dem Markt sind auf die industrialisierte Landwirtschaft in den reichen Ländern des Nordens zugeschnitten - nicht auf die regionalen Bedürfnisse und kleinbäuerlichen Strukturen der armen Länder des Südens.

Den vermeintlichen Chancen der Agro-Gentechnik stehen große Risiken gegenüber - für unsere Gesundheit und die Umwelt.

Folgen für den Menschen?

Gentechnisch veränderte Lebensmittel durchlaufen ein Zulassungsverfahren, bevor sie auf den Markt kommen. Jedoch testen in der Regel die Hersteller selbst die Sicherheit ihrer Produkte. Über Fütterungsversuche an Mäusen oder Ratten ermitteln sie, welche Auswirkungen der Verzehr der genveränderten Pflanzen auf die Versuchstiere hat. Aber die Ergebnisse der Tierversuche lassen sich nicht auf Menschen übertragen. Der Großversuch mit Menschen, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel schädlich sind oder nicht, läuft deshalb außerhalb des Labors - und ohne die Einwilligung der Testpersonen.

Wer gentechnisch veränderte Lebensmittel zu sich nimmt, kann möglicherweise Allergien entwickeln. Denn die bisher künstlich in Pflanzen eingebrachte Erbinformation produziert Proteine - ein potenzieller Allergieauslöser. Vor allem Lebensmittelallergien beruhen auf einer Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Proteinen. Bei vielen gentechnisch veränderten Pflanzen werden Gene eingebaut, die für eine Resistenz gegen Antibiotika sorgen. Doch diese Eigenschaft kann auf Bakterien übertragen werden, die Krankheiten auslösen. Dadurch besteht die Gefahr, dass immer mehr Antibiotika unwirksam werden.

Wie sich der Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen tatsächlich auf unsere Gesundheit auswirkt, wird nirgends auf der Welt untersucht. Wenn die Hersteller genmanipulierter Lebensmittel behaupten, ihre Produkte seien die am besten getesteten Lebensmittel überhaupt, so ist das Unsinn. Ihre möglichen subtoxischen, chronischen oder allergenen Wirkungen auf den Menschen sind bisher überhaupt nicht erfasst worden. Deshalb gilt: Die am besten getesteten Lebensmittel sind die, die Menschen seit Generationen verspeisen.

Und Tiere und Pflanzen?

Die Umweltauswirkungen herbizidtoleranter Pflanzen ließ die britische Regierung von 2000 bis 2002 im weltweit bislang größten Freilandexperiment auf 192 Flächen untersuchen. Ergebnis: Der Anbau von Raps und Zuckerrüben mit Herbizidtoleranz zeigt massive Auswirkungen auf die Vielfalt der Insekten und Wildkräuter auf und neben dem Acker. Neben Feldern mit genverändertem Raps wurden 44 Prozent weniger Blütenpflanzen und 39 Prozent weniger Samen festgestellt, in der Nähe von genmanipulierten Zuckerrüben wurden 34 Prozent weniger Blütenpflanzen und 39 Prozent weniger Samen gezählt.

Die Folgen der Gentechnik lassen sich auch nicht auf einzelne Felder beschränken. Denn die genveränderten Pflanzenpollen werden durch Bienen oder den Wind über die Feldergrenzen hinweg getragen, genveränderte Pflanzen kreuzen sich mit verwandten Wild- und Kulturformen. Einmal freigesetzt, kann Gentechnik nicht mehr zurückgeholt werden. Landwirtschaftsformen mit und ohne Agro-Gentechnik können deshalb auch nicht nebeneinander existieren. Agro-Gentechnik ist eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben im ländlichen Raum.

Gentechnikfreie Regionen in Baden-Württemberg

Bild: BUND, Miklas Hahn

Im Jahr 2007 wollte Monsanto in Grünsfeld versuchsweise eine dreifach genmanipulierte Mais-Sorte freisetzen. Das stieß auf großen Widerstand. Im Zug der – letztendlich erfolgreichen – Auseinandersetzungen fasste der Kreistag des Main-Tauber-Kreises den Beschluss, sich als gentechnikfreier Landkreis zu erklären. Als nächster folgte der Ostalbkreis, Jahr für Jahr kamen weitere Landkreise dazu – zuletzt im Jahr 2014 der Bodenseekreis, der Landkreis Lörrach sowie Stadt- und Landkreis Heilbronn. Damit gibt es heute 14 gentechnikfreie Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg. In den meisten Fällen waren BUND-Aktive daran beteiligt.

Die Beschlüsse sind unterschiedlich formuliert. Um als gentechnikfreier Landkreis zu gelten, müssen sie ein Verbot des Anbaus genveränderter Pflanzen auf kreiseigenen Flächen enthalten. Einige Kreise wie der Bodenseekreis und der Landkreis Heilbronn gehen noch weiter – diese Kreistage haben beschlossen, dass Einrichtungen des Landkreises wie Krankenhäuser und Kantinen ausschließlich Lebensmittel „ohne Gentechnik“ einkaufen. Dieser Punkt hat gegenwärtig mehr praktische Bedeutung, weil große Mengen an genveränderten Futtermitteln eingeführt werden, während seit 2009 in Baden-Württemberg kein Anbau genveränderter Pflanzen mehr stattfindet.

Die Frage bleibt weiter aktuell. Acht genveränderte Sorten warten auf die Anbauzulassung durch die EU-Kommission, und wir müssen damit rechnen, dass im Zug der „opt out“ genannten Neuregelung die Zulassung erleichtert wird. Im Zug der „Beseitigung nicht-tarifärer Handelshemmnisse“ bei TTIP sind die europäische Kennzeichnungspflicht für genveränderte pflanzliche Lebensmittel und die deutsche Haftungsregelung in Gefahr. Darum ist es wichtig, weitere gentechnikfreie Landkreise zu gründen.