Der baden-württembergische Landesverband des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert ein mindestens fünfjähriges Moratorium für den Bau des Pumpspeicherwerks Atdorf. Bevor ein solches Mammutprojekt realisiert werden darf, bedarf es grundlegender und umfassender Konzepte, wie der Umbau des Energiesystems auf Basis der erneuerbaren Energien erfolgen soll. Aus diesen Studien muss der Bedarf an Speichern und zusätzlicher Netzinfrastruktur hervorgehen und auch in Bezug auf den Bau des PSW Atdorf zeigen, ob es für die deutsche Energielandschaft notwendig ist.
Die kritische Position des BUND wurde durch die am 3. Runden Tisch geführte Grundsatzdebatte zur energiewirtschaftlichen Notwendigkeit des Pumpspeicherwerks Atdorf bestätigt. Bei der energiewirtschaftlichen Grundsatzdebatte wurde deutlich, dass ohne ein nationales Konzept zum Ausbau der erneuerbaren Energien und dem daraus folgenden Netzausbau keine fundierte Aussage über Speicherkapazitäten gemacht werden kann. Die Energiewende, der regenerative und dezentrale Ausbau unserer Energieversorgung ist ein gesellschaftspolitisches Großprojekt, das unbedingt die Akzeptanz von möglichst vielen Menschen gewinnen muss. Ein wesentlicher Aspekt ist in diesem Zusammenhang der nachhaltige Umbau des Energiesystems: ökologisch sinnvoll, sozial verträglich und ökonomisch vertretbar.
Energiewirtschaftlich fragwürdig
Die Planungen für das Pumpspeicherwerk Atdorf stammen aus den 1970er Jahren und wurden damals vom Schluchseewerk mit Langzeitleistungen im Falle eines Ausfalls von AKWs und Kohlekraftwerken begründet, ebenso sollte es dazu dienen, Mittellast abzudecken. In den Antragsunterlagen zum Raumordnungsverfahren aus dem Jahr 2010 wurde das Pumpspeicherwerk Atdorf mit einem erhöhten Speicherbedarf aufgrund der Zunahme der erneuerbaren Energien, besonders der Offshore-Windanlagen begründet. De facto sollte es aufgrund der erwarteten Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke diesen den wirtschaftlichen Weiterbetrieb trotz hoher Einspeisung erneuerbarer Energien ermöglichen. Nach dem Unfall in den Kernkraftwerken von Fukushima wurde die Begründung erneut angepasst. Nun wird die Notwendigkeit des PSW Atdorf mit der Speicherung von in Baden-Württemberg erzeugtem Strom vor allem aus Photovoltaik und Wind begründet. Es fehlt bis dato jedoch der direkte Nachweis, ob für den regional erzeugten Strom tatsächlich ein weiteres gigantisch großes Pumpspeicherwerk erforderlich ist. Auch der Zeitraum, ab wann dieser Pumpspeicher gebraucht würde ist nicht ausreichend begründet. Namhafte Forscher gehen davon aus, dass erst im Jahr 2030 fehlende Speicher zum Flaschenhals der Energiewende werden könnten.
Insofern eröffnet die Forderung nach einem Moratorium für das PSW Atdorf die Perspektive für eine passgenaue Energiewende. Die im März 2011 vollzogene Wende in der Energiepolitik führt nun endlich dazu, dass der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien verstärkt wird. Dennoch werden in Baden-Württemberg derzeit zwei neue kohlebefeuerte Großkraftwerke in Mannheim und Karlsruhe gebaut. Auch diese relativ unflexiblen Steinkohlekraftwerke würden von einem PSW Atdorf in erheblichem Maße profitieren, weil sie statt im Lastbetrieb nahezu in Dauerlast gefahren werden könnten. Das erhöht die jährlichen Betriebsstunden und somit den Profit dieser neuen Meiler. Gesamtkonzept und Neuausrichtung von Stromnetzen und –speichern Zentrale Anforderungen an Netze und Speicher müssen angesichts der neu ausgerichteten Energieversorgung neu definiert werden. Das Netz der erneuerbaren Energien muss im Sinne von regionaler Organisation und überregionalem Austausch grundlegend anders konzipiert werden als die bisherige Speicher- und Netzinfrastruktur. Erforderlich ist deshalb ein bundesweites Netzkonzept, das auch passende Speichertechniken und Speicherarten umfasst.
Oberste Priorität in einem solchen Gesamtkonzept hat für den BUND die Energieeffizienz. Hierdurch können viele Umweltauswirkungen der Stromerzeugung deutlich reduziert werden. Auch der Bedarf an Stromspeichern und Leitungen kann hierdurch gesenkt werden. Jede eingesparte Kilowattstunde Strom muss nicht erzeugt bzw. nicht zuvor gespeichert werden. Dafür stehen Beispiele wie die Umrüstung auf Strom sparende Techniken und Geräte, ebenso wie der Lastausgleich, also die angebotsorientierte Stromnutzung. Derzeit liegt noch keine Strategie der Bundes- und Landesregierungen vor, wie die Energielandschaft in Bezug auf Energieeffizienzmaßnahmen, auf einen notwendigen Netzausbau sowie auf einen ausreichenden und Eingriffe minimierenden Speicherbau aussehen sollte. Hier fehlt ein Gesamtkonzept, wie es auch von Professor Olav Hohmeyer beim Runden Tisch Mitte September 2011 vor Ort angemahnt wurde. Ohne ein solches Gesamtkonzept kann der Speicherbau in Atdorf nur als Stückwerk gelten, welches nun auf die Energiewende zurechtgebogen wird.
Das geplante Pumpspeicherwerk Atdorf soll eine Leistung von 1,4 GW mit einem Arbeitsvermögen von 13,4 GWh aufweisen. Bezogen auf den Gesamtspeicherbedarf in Europa trägt dieses Pumpspeicherwerk damit weniger als 0,1 Prozent der Leistung und 0,001 Prozent der Speichermenge bei. Deshalb spielt ein PSW Atdorf für die Anforderung langfristiger Stromspeicherung, z.B. über solare Winterflauten hinweg, keine Rolle. Für die kurzfristige Speicherung von Strom als Tagesspeicher ist bisher nicht nachgewiesen, dass dieses fünfte PSW in der Region wirklich notwendig ist. Deshalb fordert der BUND, das Pferd nicht von hinten aufzuzäumen und sich nicht unabgestimmt in Speicherprojekte zu stürzen.
Beim Runden Tisch Mitte September wurde argumentiert, dass das PSW Atdorf schon deshalb notwendig sei, damit ab dem Jahr 2022 (endgültiger Atomausstieg) genug Kraftwerkskapazität in Süddeutschland zur Verfügung stehe. Die Frage der Kraftwerkskapazitäten ist aus Sicht des BUND jedoch vorrangig durch die Bereitstellung flexibler Erzeugungskapazitäten (Kraft-Wärme-Koppelung, Gaskraftwerke, …) herzustellen und nicht durch Speicher, die den falschen Kraftwerkspark (Kohlekraftwerke) kompensieren müssen. Pumpspeicherwerke können zwar Strom bereitstellen, sie erzeugen jedoch keine elektrische Energie. Von jeder gespeicherten Kilowattstunde gehen zudem 25 Prozent verloren. Die Speicherung von Strom sollte also kein Geschäftsmodell sein, sondern nur erfolgen, wenn wirklich nötig.
Naturschutz und Landschaft
Das geplante Pumpspeicherwerk Atdorf ist mit sehr starken Eingriffen in den Naturraum verbunden. Durch den Bau der Speicherbecken werden Quellen, Wasserschutzgebiete, Moore, Natura 2000 FFH-Gebiete beeinträchtigt bzw. zerstört. Der Lebensraum von europaweit geschützten Arten, wie z.B. dem Steinschmätzer, geht verloren, Wildwanderwege werden durchschnitten. Hinzu kommen die Belastungen für Mensch und Natur durch den jahrelangen Baubetrieb in einem Raum, der auch noch die A98 verkraften muss.
Deshalb muss der Nutzen eines PSW an diesem Standort sehr genau abgewogen werden. Naturschutz sollte eine Zielgröße sein und nicht nur ein Beiwerk im Planungsprozess. Deshalb ist es unabdingbar, dass das Augenmerk auf der Prüfung von alternativen Techniken und Standorten liegen muss.