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Der BUND zum Abschluss des Runden Tisches Atdorf

So soll es demnächst im Südschwarzwald aussehen - wenn es nach dem Willen der Schluchseewerke geht. Bild: Klaus Stöcklin
So soll es demnächst im Südschwarzwald aussehen - wenn es nach dem Willen der Schluchseewerke geht. Bild: Klaus Stöcklin

„Wir müssen anerkennen, dass kaum eines der Ziele des Runden Tisches erreicht wurde“, stellte Inge Böttinger enttäuscht fest. Insbesondere sei es hoch problematisch gewesen, dass der Runde Tisch zur Hälfte mit Vertretern von Politik und Verwaltung und zu weiteren 15 Prozent mit Exponenten der Schluchseewerk AG, die den Pumpspeicher bauen will, besetzt gewesen sei. Die örtliche Bevölkerung war nur mit 10 Prozent vertreten, die breite Öffentlichkeit sei bei den ersten beiden Sitzungen gar ausgesperrt gewesen. „Die Organisatoren müssen sich fragen lassen, welche Absicht sie mit dem Runden Tisch eigentlich verfolgt haben“, so Inge Böttinger. In dieser Form habe der Runde Tisch vor allem als Feigenblatt für ein hoch umstrittenes Projekt gedient.

Schwierig war auch, dass das Raumordnungsverfahren mit dem positiven Raumordnungsbeschluss zu Beginn des Runden Tisches bereits beendet war. „Der Runde Tisch kam zu spät und war wohl nur als Krisenintervention infolge des Protests der Bevölkerung gedacht“, resümiert Berthold Frieß.

Der BUND schlägt nach Abschluss des Runden Tisches zwei Richtungen vor, in die das Projekt Pumpspeicherwerk Atdorf gehen könnte.

Zum einen muss es ein fünfjähriges Moratorium auf den Bau des Pumpspeichwerks geben. Bevor ein solches Mammutprojekt realisiert werden darf, bedarf es grundlegender und umfassender Konzepte, wie der Umbau des Energiesystems auf Basis der erneuerbaren Energien erfolgen soll. Aus diesen Klärungsprozessen muss der Bedarf an Speichern und zusätzlicher Netzinfrastruktur hervorgehen und auch in Bezug auf den Bau des PSW Atdorf zeigen, ob es für die deutsche Energielandschaft überhaupt notwendig ist. Eile ist fehl am Platz: Das Thema Energiespeicher wird mindestens bis zum Jahr 2025 völlig unproblematisch für die Energiewende sein.

Parallel dazu muss die Diskussion um die Energiewende weiterentwickelt werden – weg von der bloßen Auseinandersetzung um das Energiegroßprojekt Atdorf, hin zu einer nachhaltigen Entwicklung der gesamten Region Hochrhein/Hotzenwald. Die ökologischen, sozialen und ökonomischen Chancen und Risiken der Energiewende müssen vor Ort diskutiert und entwickelt werden. Die Zielperspektive könnte eine Klimaschutzregion Hochrhein/Hotzenwald sein, die in einem Netzwerk mit Kommunen, Verbänden und Unternehmen entwickelt werden soll. Der BUND wird diesen Diskussionsprozess initiieren und Landesumweltminister Franz Untersteller um seine Unterstützung für das Vorhaben bitten.

Für Runde Tische und ähnliche Verfahren in der Zukunft erachtet der BUND folgende Bedingungen für notwendig:

1.Es muss eine echte Beteiligungsmöglichkeit vorliegen. Runde Tische und ähnliche Verfahren müssen daher vor Erteilung der behördlichen Genehmigungen stattfinden.

2.Die unterschiedlichen Positionen und Interessen müssen mit gleichem Gewicht repräsentiert sein.

3.Statt statischer Vorträge müssen echte, konstruktive Diskussionen stattfinden.

4.Die finanziellen und organisatorischen Strukturen des Runden Tisches müssen im Vorfeld geklärt und kommuniziert werden.

Moratorium für Atdorf

Der geplante Standort des PSW Atdorf. Links im Bild: Mauer des bestehenden Hornbergbeckens. Bild: Michael Peter/bioconsulting-peter
Der geplante Standort des PSW Atdorf. Links im Bild: Mauer des bestehenden Hornbergbeckens. Bild: Michael Peter/bioconsulting-peter

Der baden-württembergische Landesverband des Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert ein mindestens fünfjähriges Moratorium für den Bau des Pumpspeicherwerks Atdorf. Bevor ein solches Mammutprojekt realisiert werden darf, bedarf es grundlegender und umfassender Konzepte, wie der Umbau des Energiesystems auf Basis der erneuerbaren Energien erfolgen soll. Aus diesen Studien muss der Bedarf an Speichern und zusätzlicher Netzinfrastruktur hervorgehen und auch in Bezug auf den Bau des PSW Atdorf zeigen, ob es für die deutsche Energielandschaft notwendig ist.

Die kritische Position des BUND wurde durch die am 3. Runden Tisch geführte Grundsatzdebatte zur energiewirtschaftlichen Notwendigkeit des Pumpspeicherwerks Atdorf bestätigt. Bei der energiewirtschaftlichen Grundsatzdebatte wurde deutlich, dass ohne ein nationales Konzept zum Ausbau der erneuerbaren Energien und dem daraus folgenden Netzausbau keine fundierte Aussage über Speicherkapazitäten gemacht werden kann. Die Energiewende, der regenerative und dezentrale Ausbau unserer Energieversorgung ist ein gesellschaftspolitisches Großprojekt, das unbedingt die Akzeptanz von möglichst vielen Menschen gewinnen muss. Ein wesentlicher Aspekt ist in diesem Zusammenhang der nachhaltige Umbau des Energiesystems: ökologisch sinnvoll, sozial verträglich und ökonomisch vertretbar.

Energiewirtschaftlich fragwürdig

Die Planungen für das Pumpspeicherwerk Atdorf stammen aus den 1970er Jahren und wurden damals vom Schluchseewerk mit Langzeitleistungen im Falle eines Ausfalls von AKWs und Kohlekraftwerken begründet, ebenso sollte es dazu dienen, Mittellast abzudecken. In den Antragsunterlagen zum Raumordnungsverfahren aus dem Jahr 2010 wurde das Pumpspeicherwerk Atdorf mit einem erhöhten Speicherbedarf aufgrund der Zunahme der erneuerbaren Energien, besonders der Offshore-Windanlagen begründet. De facto sollte es aufgrund der erwarteten Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke diesen den wirtschaftlichen Weiterbetrieb trotz hoher Einspeisung erneuerbarer Energien ermöglichen. Nach dem Unfall in den Kernkraftwerken von Fukushima wurde die Begründung erneut angepasst. Nun wird die Notwendigkeit des PSW Atdorf mit der Speicherung von in Baden-Württemberg erzeugtem Strom vor allem aus Photovoltaik und Wind begründet. Es fehlt bis dato jedoch der direkte Nachweis, ob für den regional erzeugten Strom tatsächlich ein weiteres gigantisch großes Pumpspeicherwerk erforderlich ist. Auch der Zeitraum, ab wann dieser Pumpspeicher gebraucht würde ist nicht ausreichend begründet. Namhafte Forscher gehen davon aus, dass erst im Jahr 2030 fehlende Speicher zum Flaschenhals der Energiewende werden könnten.

Insofern eröffnet die Forderung nach einem Moratorium für das PSW Atdorf die Perspektive für eine passgenaue Energiewende. Die im März 2011 vollzogene Wende in der Energiepolitik führt nun endlich dazu, dass der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien verstärkt wird. Dennoch werden in Baden-Württemberg derzeit zwei neue kohlebefeuerte Großkraftwerke in Mannheim und Karlsruhe gebaut. Auch diese relativ unflexiblen Steinkohlekraftwerke würden von einem PSW Atdorf in erheblichem Maße profitieren, weil sie statt im Lastbetrieb nahezu in Dauerlast gefahren werden könnten. Das erhöht die jährlichen Betriebsstunden und somit den Profit dieser neuen Meiler. Gesamtkonzept und Neuausrichtung von Stromnetzen und –speichern Zentrale Anforderungen an Netze und Speicher müssen angesichts der neu ausgerichteten Energieversorgung neu definiert werden. Das Netz der erneuerbaren Energien muss im Sinne von regionaler Organisation und überregionalem Austausch grundlegend anders konzipiert werden als die bisherige Speicher- und Netzinfrastruktur. Erforderlich ist deshalb ein bundesweites Netzkonzept, das auch passende Speichertechniken und Speicherarten umfasst.

Oberste Priorität in einem solchen Gesamtkonzept hat für den BUND die Energieeffizienz. Hierdurch können viele Umweltauswirkungen der Stromerzeugung deutlich reduziert werden. Auch der Bedarf an Stromspeichern und Leitungen kann hierdurch gesenkt werden. Jede eingesparte Kilowattstunde Strom muss nicht erzeugt bzw. nicht zuvor gespeichert werden. Dafür stehen Beispiele wie die Umrüstung auf Strom sparende Techniken und Geräte, ebenso wie der Lastausgleich, also die angebotsorientierte Stromnutzung. Derzeit liegt noch keine Strategie der Bundes- und Landesregierungen vor, wie die Energielandschaft in Bezug auf Energieeffizienzmaßnahmen, auf einen notwendigen Netzausbau sowie auf einen ausreichenden und Eingriffe minimierenden Speicherbau aussehen sollte. Hier fehlt ein Gesamtkonzept, wie es auch von Professor Olav Hohmeyer beim Runden Tisch Mitte September 2011 vor Ort angemahnt wurde. Ohne ein solches Gesamtkonzept kann der Speicherbau in Atdorf nur als Stückwerk gelten, welches nun auf die Energiewende zurechtgebogen wird.

Das geplante Pumpspeicherwerk Atdorf soll eine Leistung von 1,4 GW mit einem Arbeitsvermögen von 13,4 GWh aufweisen. Bezogen auf den Gesamtspeicherbedarf in Europa trägt dieses Pumpspeicherwerk damit weniger als 0,1 Prozent der Leistung und 0,001 Prozent der Speichermenge bei. Deshalb spielt ein PSW Atdorf für die Anforderung langfristiger Stromspeicherung, z.B. über solare Winterflauten hinweg, keine Rolle. Für die kurzfristige Speicherung von Strom als Tagesspeicher ist bisher nicht nachgewiesen, dass dieses fünfte PSW in der Region wirklich notwendig ist. Deshalb fordert der BUND, das Pferd nicht von hinten aufzuzäumen und sich nicht unabgestimmt in Speicherprojekte zu stürzen.

Beim Runden Tisch Mitte September wurde argumentiert, dass das PSW Atdorf schon deshalb notwendig sei, damit ab dem Jahr 2022 (endgültiger Atomausstieg) genug Kraftwerkskapazität in Süddeutschland zur Verfügung stehe. Die Frage der Kraftwerkskapazitäten ist aus Sicht des BUND jedoch vorrangig durch die Bereitstellung flexibler Erzeugungskapazitäten (Kraft-Wärme-Koppelung, Gaskraftwerke, …) herzustellen und nicht durch Speicher, die den falschen Kraftwerkspark (Kohlekraftwerke) kompensieren müssen. Pumpspeicherwerke können zwar Strom bereitstellen, sie erzeugen jedoch keine elektrische Energie. Von jeder gespeicherten Kilowattstunde gehen zudem 25 Prozent verloren. Die Speicherung von Strom sollte also kein Geschäftsmodell sein, sondern nur erfolgen, wenn wirklich nötig.

Naturschutz und Landschaft

Das geplante Pumpspeicherwerk Atdorf ist mit sehr starken Eingriffen in den Naturraum verbunden. Durch den Bau der Speicherbecken werden Quellen, Wasserschutzgebiete, Moore, Natura 2000 FFH-Gebiete beeinträchtigt bzw. zerstört. Der Lebensraum von europaweit geschützten Arten, wie z.B. dem Steinschmätzer, geht verloren, Wildwanderwege werden durchschnitten. Hinzu kommen die Belastungen für Mensch und Natur durch den jahrelangen Baubetrieb in einem Raum, der auch noch die A98 verkraften muss.

Deshalb muss der Nutzen eines PSW an diesem Standort sehr genau abgewogen werden. Naturschutz sollte eine Zielgröße sein und nicht nur ein Beiwerk im Planungsprozess. Deshalb ist es unabdingbar, dass das Augenmerk auf der Prüfung von alternativen Techniken und Standorten liegen muss.

Pumpspeicherwerk Atdorf: Noch viele Fragen offen

Der BUND ist seit Jahren eine treibende Kraft der Energiewende in Deutschland. Das betrifft sowohl den Ausstieg aus der Atomenergie und der Kohleverstromung als auch den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Es steht für den BUND außer Zweifel, dass es neben den Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energie auch die dafür nötige Infrastruktur braucht. Zur Speicherung der gewonnenen Energie kommen grundsätzlich auch Pumpspeicherwerke in Frage. Ein Projekt mit derart großen Eingriffen in Natur und Landschaft muss aber in seiner Notwendigkeit und seiner Standortwahl fachlich fundiert und transparent begründet werden.

In Baden-Württemberg wird derzeit heftig über das Pumpspeicherwerk Atdorf im Hotzenwald (Landkreis Waldshut) diskutiert. Nach dem Vorbild der Schlichtung im Projekt Stuttgart 21 wird es jetzt einen Runden Tisch geben, an dem der BUND beteiligt ist. Der Runde Tisch hat die Aufgabe das konkrete Projekt in Atdorf zu diskutieren und dabei das Thema Stromspeicherung für eine zukunftsfähige Energieversorgung als wesentliche Referenzgröße zu berücksichtigen.

Es gibt noch immer starke Zweifel, ob das geplante Projekt im Hochschwarzwald sinnvoll ist. Bisher ist es der Schluchseewerk AG, als Vorhabensträger, nicht gelungen, die energiewirtschaftliche Notwendigkeit eines Pumpspeicherwerks in dieser Größenordnung und am favorisierten Standort nachzuweisen. Neben der Beeinträchtigung von Wasserschutzgebieten sind direkt am Speicherbeckenstandort Quellen betroffen, die FFH-Gebiete speisen. Diese würden versiegelt und wären verloren. Des Weiteren sind bereits bei den Bauarbeiten FFH-Arten gefährdet. Es wird befürchtet, dass der überregionale Fernwildweg aus der Schweiz in den Schwarzwald stark eingeschränkt wird. Auch die vom BUND geforderte Alternativenprüfung wurde nicht ausreichend durchgeführt. Zwischen Wehr und Bad Säckingen sind durch den geplanten Standort des Unterbeckens des Pumpspeicherwerks verschiedene Alternativen für eine Trassenführung der geplanten Autobahn A98 nicht mehr möglich. Würden beide Projekte realisiert, ergäbe sich eine doppelte Belastung dieses bisherigen Ausflugs- und Erholungsgebiets.

Der BUND erwartet durch den Runden Tisch eine ergebnisoffene faire Aufarbeitung der bisherigen ungenügend geblieben Darstellungen auch auf Seiten der Vorhabensträger und der beteiligten Behörden und Kommunen. Er erwartet nach Beendigung des Runden Tischs eine Neubewertung der Ausbaupläne zur Pumpsspeicherung durch die Schluchseewerk AG. Das Verfahren muss öffentlich und transparent durchgeführt werden, und alle Fragen müssen vorbehaltlos beantwortet werden.

Weitere Informationen:
Die ausführliche Stellungnahme des BUND Hochrhein zum Raumordnungsverfahren des PSW Atdorf finden Sie hier

In dieser Umgebung ist das Oberbecken des Pumpspeicherwerks geplant.


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