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Schmetterling des Jahres 2012: Das Kleine Nachtpfauenauge

Männchen des Kleinen Nachtpfauenauges. Bild: Walter Schön
Männchen des Kleinen Nachtpfauenauges. Bild: Walter Schön

Wenn es ein Leben für die Liebe gibt, dann ist es das Leben des Nachtpfauenauges. In ihrem kurzen Schmetterlingsdasein haben diese Tiere nur eines im Sinn: einen Liebespartner zu finden. Und dafür wurden sie fantastisch von der Natur ausgestattet. Mit ihren hochempfindlichen, in den kammartig verbreiterten Fühlern sitzenden Sensoren nehmen die Männchen noch geringste Konzentrationen der vom Wind herbeigetragenen weiblichen Duftstoffe wahr. Dank ihrer feinen Antennen können sie über mehrere Kilometer Entfernung die Spur eines Weibchens aufnehmen, das seine Lockstoffe in die Luft versprüht.

Weibchen des Kleinen Nachtpfauenauges. Bild: Katholnig.
Weibchen des Kleinen Nachtpfauenauges. Bild: Katholnig.

Für das Weibchen des Nachtpfauenauges ist das erste Mal auch das letzte Mal. Nur einmal lässt es sich begatten und stellt, kaum dass ein Männchen am Ziel angelangt ist, umgehend die Produktion der verführerischen Düfte ein. Noch anfliegende Konkurrenten drehen ab, und das Weibchen macht sich zügig an die letzte Aufgabe in seinem kurzen Schmetterlingsdasein, die Eiablage. Ohne ein einziges Mal in seinem Leben Nahrung zu sich genommen zu haben, stirbt es. Auch die Männchen nehmen in ihrem allein der Liebe gewidmeten Leben keinerlei Nahrung zu sich. Ihr Saugrüssel ist verkümmert, sie können keinen Nektar schlürfen. Ihre Energie müssen die Nachtpfauenaugen aus ihrem früheren Leben schöpfen. Ende Mai schlüpfen die Raupen aus Gelegen mit bis zu 200 Eiern und leben zunächst in kleineren Gruppen in nestartigen Gespinsten. Erst die erwachsenen Raupen schlagen sich einzeln durch und sind mit ihrer grünen Grundfarbe und den schwarzen Querbändern nur schwer auf den Fraßpflanzen auszumachen. Sie kommen auf sehr vielen verschiedenen Nahrungspflanzen vor, je nach Lebensraum: Heidelbeere, Himbeere und Brombeere in waldreichen Gegenden, Heidekraut in Heidegebieten, Moosbeere in Mooren, Mädesüß in feuchten Gräben, Wiesensalbei und besonders Schlehe in trockeneren Biotopen.

Raupe des Kleinen Nachtpfauenauges. Bild: Walter Schön
Raupe des Kleinen Nachtpfauenauges. Bild: Walter Schön

In ihrem Raupenleben müssen die Tiere tüchtig fressen und ihre Kraft sammeln für die lange Puppenruhe und das kurze Falterdasein. Sind die Raupen ausgewachsen, spinnen sie sich in einen stabilen birnenförmigen Kokon ein, um sich darin zu verpuppen. Die Öffnung des Kokons ist mit Reusenhaaren dich versponnen, durch die sich nur der Falter von innen hindurchzwängen kann. So bleibt die Puppe im Kokon den ganzen Winter über vor Eindringlingen geschützt. Schon als Puppe sind die Geschlechter gut zu unterscheiden: die Antennenfühler der Männchen sitzen in deutlich breiteren Fühlerscheiden. Die Flugzeit der Männchen beginnt im Frühjahr etwa zur Zeit der Schlehenblüte, kurz danach schlüpfen die deutlich größeren und plumperen Weibchen und verströmen ihren betörenden Duft. Auffälligstes Merkmal aller Vertreter der großen Familie der Pfauenspinner sind die schönen Augenflecke auf den Flügeloberseiten. In dieser Verwandtschaft finden sich mit dem asiatischen Herkulesspinner und dem Atlasspinner die größten Schmetterlinge der Welt, die Kokons vieler Arten werden in Ostasien zur Seidengewinnung genutzt. Der große Vetter des Kleinen Nachtpfauenauges ist das Wiener Nachtpfauenauge, das wohl als einziger Schmetterling zu der Ehre kam, von Vincent van Gogh porträtiert zu werden.

Mit freundlicher Genehmigung der Autoren entnommen aus:
Matthias Hendrichs, Alexander Beiter: Heimische Schmetterlinge - Gefährdete Schönheit. Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 2003. ISBN 3-928011-53-7



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