Der kleine Eremit liebt es mulmig

Juchtenkäfer, Bild: R.König/blickwinkel

Ein unscheinbares Insekt hat die Abholzung der Bäume für Stuttgart 21 vorerst gestoppt – der Juchtenkäfer. Der BUND deckte auf, dass die Bahn die streng geschützte Art im Schlossgarten nicht hatte untersuchen lassen, und erstattete Anzeige. Besuchen Sie mit uns den kleinen Eremiten in seiner mit Mulm gefüllten Baumhöhle.

Darf ich mich vorstellen? Osmoderma eremita oder ganz einfach Juchtenkäfer ist mein Name. Seit den illegalen Baumfällungen im Stuttgarter Schlossgarten im Oktober 2010 reden alle über mich, aber mal ehrlich, wer hat mich schon mal zu Gesicht bekommen? Kein Wunder, ich verbringe mein Leben ja größtenteils in meiner Bruthöhle. Schauen Sie sich also mein Foto an: Ein Käfer wie viele andere auch, denken Sie? Das kann nur sagen, wer mich noch nie gerochen hat! Denn bei uns Juchtenkäfern heißt’s nicht „Schau mir in die Augen, Kleines“, sondern: „Lass Dich von meinem Duft betören“. Euch Menschen erinnert mein Geruch an Juchtenleder – das ist ein pflanzlich gegerbtes Rindsleder, das mit Birkenteeröl eingerieben wurde, daher mein deutscher Name. Auf jeden Fall: wenn wir Männchen an heißen Sommertagen an der Höhlenöffnung posieren, finden die Weibchen noch aus 500 bis 1000 Metern Entfernung zu uns. Alles weitere, also  Paarung, Eiablage und Aufzucht der Larven, findet dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Baumhöhle statt.

Bild: BUND

A propos Baumhöhle, sie ist etwas ganz besonderes bei uns Juchtenkäfern. Es muss eine Mulmhöhle sein! Mulm besteht aus zerfallenem, zersetztem Holz vermischt mit dem Kot von Totholzinsekten. Wer jetzt glaubt, Totholzfresser seien eine Erfindung aus einem Harry-Potter-Band, der ist ganz schön auf dem Holzweg. Totholzfresser, das sind nützliche Tiere wie wir Juchtenkäfer. Sie räumen im Wald auf. Oder was glauben Sie, wer das abgestorbene Holz wieder in fruchtbaren Waldboden wandelt? Die Mulmhöhlen jedenfalls gibt es nur in großen Bäumen, die schon ein gewisses Alter erreicht haben. 120 Jahre sollten es mindestens sein, sonst ziehen wir nicht ein. Und weil solche altehrwürdigen Baumriesen gar nicht mehr so leicht zu finden sind, gibt es auch nicht mehr viele von uns Juchtenkäfern. 

Unsere Altbaumwohnung geben wir nicht so schnell auf. Als Ei werden wir in den Mulm gelegt und dort bleiben wir dann das ganze Larvenstadium über, so 3-4 Jahre. Wir fressen den Mulm und vergrößern dabei unsere Höhle. Nach der Verpuppung schlüpfen wir, und erst dann wagen sich einige ins Freie, um auf Partnersuche zu gehen. Dass wir unserer Baumhöhle so treu sind, ist auch unser Handicap: wenn der Brutbaum stirbt – oder gefällt wird – gehen wir mit ihm zu Grunde. Lasst also Eure Bäume wieder alt werden, dann könnt ihr uns auch von eurer Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten streichen und viele andere Tiere gleich mit!

Friederike Köstlin



  • Jetzt spenden, Bilder: ger.hardt/pixelio.de, Thomas Stephan, Walter Schön
  • Jetzt BUND-Mitglied werden; Bilder: detailblick/fotolia, Benicce/fotolia, Monkey Buissnes Images/shutterstock, Mr. Nico/photocase.de
  • Newsletter bestellen, Bild: fult/photocase.de

Ihre Ansprechpartnerin:

Christine Fabricius
Fon 0711 620306-14
christine.fabricius@bund.net

Suche