Wie viel Natur braucht eine zukunftsfähige Gesellschaft?

Rede von Dr. Brigitte Dahlbender auf dem Naturschutzforum der CDU-Landtagsfraktion am 19. Februar 2005

Stellen wir uns vor, wir befinden uns im Jahr 2105. Wir haben Jahr für Jahr weiter etwa soviel Fläche versiegelt wie um das Jahr 2000 - etwa 12 Hektar am Tag. Die Wirtschaft produziert und exportiert, wenn auch mit immer weniger Arbeitskräften. Die Restnatur ist geschrumpft auf ein paar parkartige Flächen wie das grüne U in Stuttgart, den Favoritepark in Ludwigsburg und einen Museumswald im Schönbuch, eingezwängt zwischen Straßen, Flugplätzen, Einkaufs-, Sport-, Messe- und Konzerthallen. Zur Nahrungsmittelproduktion werden keine Äcker mehr benötigt - was nicht aus der Retorte kommt, wird in Hydrokultur oder unter Folie erzeugt. Erholung findet unter Plexiglaskuppeln in synthetischen Tropenlandschaften statt, Biber, Weißstorch und Wanderfalke, deren Rückkehr wir Anfang des 21. Jahrhunderts gefeiert haben, kann man nur noch in der Wilhelma bewundern.

 

Könnten wir in einer derartigen Gesellschaft überleben? Ich habe Zweifel. Wollten wir in dieser Gesellschaft leben? Ganz sicher nicht. Und ich gehe davon aus, dass wir in diesem Punkt alle einer Meinung sind.

Doch wenn wir nicht aufpassen, wenn unsere Gesellschaft und die Politik nicht dem Naturschutz einen höheren Stellenwert einräumen, dann wird die Eingangs beschriebene Zukunftsvision eines Tages Wirklichkeit werden.

Die Anzeichen dafür sind deutlich:

Lebensraumverlust durch intensive Landwirtschaft und Zerschneidung der Landschaft und Biotope sowie zunehmender Bodenverlust durch Siedlungsentwicklung, Verkehrswegebau und Erosion.

In Baden-Württemberg, in diesem dicht besiedelten Land mit seiner intensiven und vielfältigen Flächennutzung, sind die Folgen für die biologische Vielfalt besonders gravierend:

In Baden-Württemberg kommen schätzungsweise rund 50 000 wild lebende Tier- und Pflanzenarten vor. Darunter sind Arten, die nur hier vorkommen und für deren Erhaltung wir deshalb eine besondere Verantwortung haben. In den letzten 50 Jahren hat jedoch die Zahl der hier vorkommenden Arten ebenso wie deren absolute Populationsgröße zum Teil drastisch abgenommen. Die "Roten Listen" Baden-Württembergs belegen, dass jede dritte heimische Tier- und Pflanzenart im Bestand bedroht ist, wobei dieser Durchschnittswert noch beschönigt, dass der Anteil gefährdeter Arten bei einzelnen Artengruppen wesentlich höher ist. Frühere "Allerweltsarten", wie etwa der Hamster, kämpfen inzwischen in Baden-Württemberg sprichwörtlich ums Überleben. Dieser negative Trend ist nicht gebrochen, auch wenn zum Glück inzwischen einzelne, durchaus spektakuläre Arten, wie etwa der Biber, langsam zurückkehren.

Das Baden-Württemberg im Hinblick auf die Biodiversität nicht an Spitze steht, sondern in Deutschland eher das Schlusslicht bildet, hängt auch mit der - trotz allem ehrenamtlichen und sicher auch hauptamtlichen naturschützerischen Engagements - "hasenfüßigen" Naturschutzpolitik zusammen:

  • Baden-Württemberg liegt mit 2,2 Prozent Flächenanteil an Naturschutzgebieten auf dem mit dem Nachbarland Bayern geteilten 11. Platz von 16 Bundesländern - das Schlusslicht. Selbst ein dicht besiedeltes und traditionell hoch industrialisiertes Land wie Nordrhein-Westfalen liegt mit 3,9 Prozent weit vor Baden-Württemberg.
  • Baden-Württemberg ist das einzige Flächenland ohne Nationalpark oder Biosphärenreservat. Die großen wirtschaftlichen Chancen und die großen Beiträge zur Sicherung von Lebensräumen durch Einrichtung eines Biosphärenreservats Münsingen und eines Nationalpark Nordschwarzwald lassen wir uns seit vielen Jahren entgehen.
  • Baden-Württemberg hat nach wie vor einen sehr hohen Flächenverbrauch und verfügt über nur noch wenige unzerschnittene Lebensräume.

Hoffnung für den Naturschutz und die biologische Vielfalt kam in den letzten Jahren vor allem aus Brüssel, nicht aus der Landespolitik!

Gegen den ursprünglichen Widerstand der Landespolitik - anders kann man es nicht nennen - werden demnächst rund 11,5 Prozent der Landesfläche FFH-, d.h. europäische Naturschutzgebiete sein. Hinzu kommen auf weiteren 5 Prozent der Landesfläche die so genannten Vogelschutzgebiete, wobei hier die Landesregierung ihrer Meldepflicht noch immer nicht nachgekommen ist.
Auch die europäische Wasserrahmenrichtlinie wird von Baden-Württemberg in den nächsten Jahren erhebliche Anstrengungen abverlangen, um die vielen kanalisierten, begradigten und naturfernen Gewässer im Land in den nächsten Jahren wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen.

Aber diese europäischen Naturschutzprogramme sind keine Selbstläufer. Ihre Umsetzung braucht erheblich mehr Engagement und zusätzliche personelle und finanzielle Ressourcen für den Naturschutz seitens der Landesregierung:

  • Naturschutz braucht Geld. Die Mittel der Landschaftspflegerichtlinie reichen gegenwärtig nicht einmal aus, um alle in die Gebietskulisse Natura 2000 aufgenommenen Flächen zu pflegen.
  • Naturschutz braucht Fachwissen und Handlungsanleitungen. Für die FFH-Gebiete müssen unverzüglich Pflege- und Entwicklungspläne entwickelt werden. Wenn wir weitermachen wie bisher und alle 2 Jahre acht dieser Pläne in Auftrag geben, braucht es 65 Jahre, bis alle 260 FFH-Gebiete im Land abgearbeitet sind - die derzeit nur 73 Vogelschutzgebiete sind dabei noch nicht mitgezählt.
  • Naturschutz braucht konsequent umgesetzte Programme statt weiterer Absichtserklärungen, Aktionsbündnisse und Umweltpläne. Was nützt ein Aktionsbündnis "Flächen gewinnen", wenn zugleich ohne jede Einschränkung die Flächeninanspruchnahme für Siedlungszwecke weitergeht und die Landesregierung zeitgleich die Abschaffung der Eigenheimzulage im Bundesrat verhindert?


Baden-Württemberg eignet sich nicht für die Trennung in kleine Schutz- und große Nutzungsgebiete. Für eine Trennung in großflächig versiegelte Produktions- und Wohnlandschaften einerseits und große unberührte Wildnisflächen andererseits nach amerikanischem Vorbild ist unser Land einfach zu klein, aber auch zu klein strukturiert, zu vielseitig und zu dicht besiedelt.

Das bedeutet für Baden-Württemberg notwendigerweise die Verknüpfung von Naturschutz und Wirtschaften und Wohnen, wenn wir uns nicht völlig von unserer natürlichen Umgebung entfremden wollen. Wir brauchen deshalb Naturschutz als selbstverständliche Grundlage unseres Handelns - vor den Toren und innerhalb der Tore von Stuttgart genauso wie im Schwarzwald!

Daraus ergeben sich u.a. folgende Konsequenzen:

  • Naturschutz muss endlich in allen Planungen adäquat berücksichtigt werden. Der Landschaftsplaner darf nicht erst dann zum Zug kommen, wenn eine technische Planung, sagen wir für eine Straße, fertig ist, und diese anschließend mit einigen Bäumen dekoriert wird. Vielmehr muss gleichberechtigt neben der Frage, ob sich der (finanzielle) Haushalt des Landes ein Projekt leisten kann, immer die Frage gestellt werden, ob sich der Naturhaushalt das Projekt leisten kann.
  • Naturschutz muss als Standortfaktor begriffen werden. Naturschutz ist kein Luxus, den wir uns nur dann leisten, wenn wichtigere wirtschaftliche Bedürfnisse erfüllt sind. Naturschutz ist ein elementarer Standortfaktor für ein modernes Land, das auf hochentwickelte Technologie und qualifizierte Dienstleistungen setzt. Wer hoch qualifizierte Mitarbeiter anwerben möchte, muss hochwertige Bedingungen bieten - und dazu gehören zunehmend "weiche" Faktoren wie Kultur, aber auch Natur. Naturschutz stellt aber auch einen "harten" Standortfaktor für Tourismus und Gastronomie dar. Urlaubsgebiete wie Schwarzwald, Schwäbische Alb und Bodensee, aber auch nicht ganz so bekannte Landstriche wie der Schwäbisch-Fränkische Wald sind als Urlaubsregion durch ihr Naturpotenzial attraktiv und erfolgreich.
  • Naturschutz muss auch in intensiv genutzten Agrarlandschaften zur Sicherung der Artenvielfalt und unserer an Lebensräumen reichen Kulturlandschaften verwirklicht werden. Dazu muss u.a. das Instrument der Biotopvernetzung wieder aktiviert werden - die Biotopvernetzungskonzepte dürfen nicht mangels Finanzierung in den Schubladen verstauben.

Nun werden Sie sich fragen, meine Damen und Herren, wie viel Naturschutz brauchen wir denn für eine zukunftsfähige Gesellschaft? Eine zukunftsfähige Gesellschaft ist ohne einen qualifizierten Naturschutz nicht denkbar. Denn Natur ist Lebensgrundlage und Freude, unverzichtbarer Teil unseres Wirtschaftens und Handelns und Voraussetzung für unsere Zukunftsfähigkeit. Deshalb fordere ich die Politik auf, dem Naturschutz in ihrem politischen Handeln endlich den zentralen Stellenwert zu geben, der ihm zukommt.



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