Seit über achtzig Jahren halten in Deutschland einige kleine Elektrizitätsgenossenschaften dem Monopolisierungsdrang auf dem Energiemarkt stand. Mittlerweile gründen sich monatlich etwa fünf neue Energiegenossenschaften, mit steigender Tendenz. Eine Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Quellen ist in Deutschland bis zum Jahr 2050 realisierbar, sagt die aktuelle Studie des Umweltbundesamtes. Wesentlicher Bestandteil des untersuchten Szenarios „Regionenverbund“ ist die dezentrale Stromproduktion an vielen verschiedenen Standorten im Gegensatz zur heutigen Konzentration in Großkraftwerken.
Unabhängige kleine Elektrizitätswerke gibt es in Deutschland seit über achtzig Jahren. Damals ging es vor allem darum, dass auch Bürgerinnen und Bürger in Dörfern und kleinen Städten Strom haben wollten – und einige, wie die Elektrizitätsgenossenschaft Bierenbachtal, existieren bis heute. Sie produzierten ihren Strom meist mit Wasserkraftwerken. In den vergangenen Jahren hat nicht nur die private und gewerbliche Einspeisung von Strom aus Photovoltaikanlagen dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) rasant zugenommen, auch der gemeinsame Betrieb einer Solaranlage beispielsweise auf dem Dach der Grundschule findet immer mehr Interessierte. Gemeinsam heißt dabei in vielen Orten, eine Energiegenossenschaft zu gründen. Fachleute sprechen bereits von einem kleinen Gründungsboom. Mittlerweile gibt es über 200 Photovoltaik- und etwa 30 Nahwärmegenossenschaften. Ein besonderer Vorteil der genossenschaftlichen Rechtsform liegt darin, nicht unter die Prospektpflicht zu fallen. Außerdem sind Ein- und Austritt unkompliziert zu handhaben. Auch die Haftungsbeschränkung und die Möglichkeit, sich mit niedrigen Beträgen beteiligen zu können, sprechen für genossenschaftliche Lösungen. Wie beim Stromlieferanten Greenpeace Energy und seit November 2009 beim Netzbetreiber in Schönau soll das Mitglied mit seiner Einlage nicht in erster Linie einen möglichst hohen eigenen Gewinn anstreben, sondern die Genossenschaft „will dem Grundgedanken nach das Wirtschaften ihrer Mitglieder fördern“.
Ein Genosse – eine Stimme
"Oft sind es einzelne „Überzeugungstäter“, die sich für die Gründung einer Genossenschaft einsetzen. Wie beispielsweise Erhard Renz aus dem südhessischen Bürstadt, der unter anderem die weltweit größte Dachphotovoltaikanlage mit einer Projektgemeinschaft initiierte: „Die vielen Führungen auf dem Dach haben mir gezeigt: Die Investoren haben sich überhaupt nicht für die Anlage interessiert. Sie interessierten sich nur für die Verlustzuweisung und die Rendite.“ Das reichte ihm jedoch nicht und er suchte weitere Mitstreiter, „die es nicht wegen der Rendite tun, sondern weil es getan werden muss!“
Bei der Gründung der Solar-Bürger-Genossenschaft in Bürstadt war ihm wichtig, „dass jeder das gleiche Mitspracherecht hat. Jeder Genosse oder Genossin hat eine Stimme – demokratischer geht es nicht.“ Damit könne eine Übernahme durch große Aktiengesellschaften, wie dies bei Windenergie-Pionieren oft passiert sei, nicht funktionieren. Die erste Anlage produziert Strom auf dem Dach des Feuerwehrhauses, im Juli 2009 folgte die zweite auf dem Dach der Christoph-Graupner-Schule. Der Vorteil der Genossenschaft liegt damit nicht nur in der demokratischen Organisation, sondern auch in der Möglichkeit, mehrere Solarkraftwerke zu betreiben und somit die Verwaltungskosten der Organisation auf viele Anlagen zu verteilen. So sind weitere Projektgruppen in Landau und Freiburg entstanden.
Das Engagement von Erhard Renz blieb auch im Bürstädter Rathaus nicht ohne Wirkung. Im Rahmen der Lokalen Agenda hatte sich der runde Tisch bereits als Ort etabliert, an dem Ideen ausgetauscht wurden. „Über die Jahre hatten die Beteiligten eine Diskussionskultur geschaffen, die es möglich macht, Projekte wie die Solar-Genossenschaft gemeinsam zu entwickeln“, erzählt Micha Jost, Umweltbeauftragter in Bürstadt. Inzwischen hat die Stadt das Thema Sonne für ihr Marketing entdeckt: „Wir setzen auf Sonne“, lautet das Motto. Das Internet-Portal „Entente solare“, eine Imagebroschüre, verschiedene Veranstaltungen, ja sogar eine Sonnenbotschafterin gibt der Bürstädter Kampagne ein Gesicht.
Politik mit Genossenschaftsanteil
Nicht nur die Mitentscheidungsmöglichkeiten innerhalb einer Genossenschaft können für Mitglieder der Grund sein, mit ihrem Kapitalanteil ein Stück Energiewende selbst mitzugestalten. In einigen Dörfern der Lausitz geht es auch um den Widerstand gegen die Politik des Energiekonzerns Vattenfall. In Kerkwitz nahe der polnischen Grenze plant Vattenfall neue Braunkohle-Tagebau-Gebiete und will dafür neben Kerkwitz auch die Dörfer Attenwasch und Grabko abreißen.
Ein Volksbegehren scheiterte, doch die Bewohner gaben nicht auf und gründeten die „Solargenossenschaft in der Lausitz“. Mitbegründer Matthias Bärmann sagt: „Wir sind nicht gegen Vattenfall, aber wir wollen eine echte Energiewende und wir nutzen alternative Formen der Stromerzeugung.“ Für eine Beteiligung an der Genossenschaft wird bundesweit geworben, sie ist ab einem Anteil von 250 Euro möglich. Wer Genossenschaftsmitglied wird, hat Stimmrecht, kann sich als Betroffener vor Ort einmischen und muss bei einem Abriss entschädigt werden.
Gründungen unterstützen
„Die Energieversorgung der Zukunft wird dezentral sein“, sagt die Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, Margit Conrad, beim Start einer Fortbildung für Projektentwickler von Energiegenossenschaften im März 2010. „Dazu brauchen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die den Klimaschutz vor Ort in die Hand nehmen und nachhaltige, regionale Energiekonzepte auf den Weg bringen.“
Die Teilnehmenden der Fortbildung erwerben während vier Monaten die erforderlichen Kompetenzen, um lokale und regionale Energiegenossenschaften mit zu initiieren und bei ihrer Gründung zu unterstützen. Energiegenossenschaften sind nach Meinung der Initiatoren der Fortbildung die geeignete Form, in der Bürgerinnen und Bürger gemeinsam die lokale und regionale Energiezukunft gestalten und so „Bürgerkraftwerke“ realisieren. „Die Verantwortung vor unseren Nachkommen verpflichtet uns zum nachhaltigen Handeln gegenüber der uns anvertrauten Schöpfung“, erläutert dazu der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche der Pfalz, Christian Schad.
Wie erklärt sich der Genossenschaftsexperte und Studienleiter der Fortbildung, Dr. Burghard Flieger, den Gründungsboom bei Energiegenossenschaften? Es sei nicht nur das liebe Geld, sondern die Gestaltung der Lebensräume vor Ort und damit auch emotionale Momente, die viele zu einer Mitgliedschaft bewegen. Manchmal bilde sich eine Genossenschaft auch über politische Grenzen hinweg: „Da finden sich Christlich-Wertkonservative mit linken Wohngemeinschafts-Freaks zusammen, um sehr pragmatisch eine demokratische, dezentrale und grüne Energieversorgung voranzubringen.“
Autor: Peter Streiff
Hintergrundinformation: Energie in Bürgerhand
Ende Juli 2010 teilte die Genossenschaft Energie in Bürgerhand eG (EIB) mit, dass der geplante Einstieg bei der Thüga AG über eine Beteiligung am Stadtwerkekonsortium KOM9 nicht möglich sei – aus strukturellen Gründen: „Wir sehen nun keine Möglichkeit mehr, uns zu akzeptablen Konditionen an der Thüga zu beteiligen.“ Nun sucht die EIB nach neuen Wegen, die ihr auf Treuhandkonten anvertrauten 28 Millionen Euro „sinnvoll für die Energiewende wirken zu lassen“ und führt Verhandlungen „mit größeren Stadtwerkeverbünden, die die gleichen Zielsetzungen wie wir vertreten und nachhaltige Energieversorgung und Bürgerbeteiligung zu ihrem Selbstverständnis entwickeln wollen.“
Web-Links:
Artikel "Demokratie im Energiemarkt" als PDF
Quelle
Bitte nennen Sie beim Abdruck als Quelle: BUND-Jahrbuch 2011 – Ökologisch Bauen und Renovieren. Hrsg. v. Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Stuttgart, Ziel-Marketing. 228 Seiten, 8,90 Euro. Das 228 A4-Seiten umfassende Handbuch kann man ab sofort zum Preis von 8,90 Euro an größeren Kiosken und beim Bahnhofsbuchhandel kaufen oder (zzgl. 2 Euro Versandkosten) bestellen bei Ziel:Marketing, Gerberstr. 5 f, 70178 Stuttgart, Fon 0711 96695-0, Fax 0711 96695-20, bestellungen@ziel-marketing.de, www.ziel-marketing.de
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5000 Menschen wollen mit ihrem Geld bei der Genossenschaft Energie in Bürgerhand die Energiewende bewirken.
Bild: U. Zaiser